behandeln Zahnärzte Patienten mit fragwürdigen Methoden?

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So oder ähnlich könnte der Eindruck entstehen, wenn man sich mal mit dem Thema „alternative Heilmethoden in der Zahnmedizin“ befasst. Dass hier so manches im Argen ist, ist allerdings nicht neu. Neu ist, dass sich eine Tageszeitung kritisch diesem Thema widmet.

Pendeln, Energieströme spüren, Zahn-Organ-Beziehungen aufdecken: Alternative Heilmethoden auf dem Zahnarztstuhl klingen gut – und am Ende ist das Gebiss verstümmelt.

In jenem grenzenlosen Bereich, in dem alles mit allem zusammenhängt, findet jeder seine Nische. So haben auch einige Zahnärzte ihr Fachgebiet erstaunlich geschmeidig in das Netzwerk der Energien, Ströme und geheimen Bindungen eingegliedert, die Anhänger fragwürdiger medizinischer Theorien gerne beschwören. Wenn geheime Bahnen den ganzen Körper durchziehen, warum sollten sie dann nicht auch an den Zähnen vorbeikommen? Manche Dentalmediziner erzählen also ihren Patienten, ihre Schneidezähne stünden in direkter Verbindung zur Niere und ein „Zahnstörfeld“ vorne im Gebiss bedrohe das Organ. Ein Weisheitszahn könne Auswirkungen auf das Herz haben. Eine ungewöhnliche Stellung des Eckzahns wiederum signalisiere, dass es um die Mütterlichkeit der Patientin nicht gut bestellt sei.

Die „Zahn-Organ-Beziehungen“ werden in etlichen Büchern und Online-Texten beschrieben. Den Schluss von der Mundhöhle auf die Mutterqualitäten hat der Bremer Zahnarzt Hans-Werner Bertelsen von einem Kollegen gehört. Sein Kommentar: Wer derart mit Patienten umgeht, sollte den Arztkittel gegen Frack und Zylinder eintauschen, damit jedem klar wird, worum es hier geht: „Jahrmarktsmedizin!“

Bertelsen geht seit Jahren gegen unwissenschaftliche Methoden in der Branche vor – und sein Kampf wird immer schwerer. Denn mittlerweile machen auch die Landeszahnärztekammern dubiose Ansätze salonfähig. „Aufgrund der großen Nachfrage“ bot die rheinland-pfälzische Kammer in diesem Jahr Fortbildungen zu „Ausleitungstherapien“ und „Entgiftungen“ an. Zahnärzte aus Berlin und Brandenburg werden in der „Darmsanierung“ zur Behandlung von Beschwerden des Kiefergelenks geschult. In von der Bayerischen Landeszahnärztekammer organisierten Fortbildungen lernen Mediziner, „Farbe, Form und Beläge der Zunge zu deuten“, wobei auch die frei erfundenen „Zahn-Organ-Beziehungen“ ihren Platz bekommen. In Bayern können zudem im „Therapeutic Touch“- Lehrgang „Energiefelder“ erspürt werden. Wer gemeinsam mit einer Heilpraktikerin das Handauflegen einübt, bekommt dafür 22 Fortbildungspunkte und hat sein Jahressoll schon fast erfüllt. Für das Auffrischen der Kenntnisse in der Notfallmedizin gibt es bescheidene fünf Punkte.

Nun lässt sich aus den Programmheften nicht ersehen, was genau in diesen Kursen gelehrt wird. Auf Nachfrage der SZ erklärt die Bundeszahnärztekammer, dass hier durchaus Aufklärung betrieben werden könne: „Gegebenenfalls kann sogar der Referent eine sehr kritische Meinung zu bestimmten Verfahren abgeben.“

Der Zahnarzt lerne, wie er Patienten korrekt beraten könne. Aber brauchen ausgebildete Zahnärzte tatsächlich Ganztagskurse, um zu erfahren, wie sie das Ansinnen nach Darmsanierung und Handauflegen zurückweisen? Hans Jörg Staehle, Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde an der Universität Heidelberg, hat selbst Entscheidungsträger gefragt, warum sie unwissenschaftliche Ansätze unterstützen. Zuweilen sei die Antwort gewesen, dass dies aus fachlichen, aber auch aus ethischen Gründen eigentlich abzulehnen sei – andererseits bestehe hier eine ökonomisch vielversprechende Möglichkeit, den Selbstzahler-bereich auszuweiten. Und wenn es nun einmal Menschen gebe, die dies wünschten, habe es geheißen, könne man sich dem doch nicht entziehen.

Auch Bertelsen glaubt nicht, dass in den Kursen eine kritische Auseinandersetzung mit fragwürdigen Ansätzen stattfindet. Er hat als Berufsanfänger in einer „ganzheitlichen“ Praxis erlebt, wie hemmungslos Patienten der blanke Humbug angedreht wird. Das fing schon bei der Anamnese an: „Da wurde viel gesprochen, etwas gependelt und ein wenig gemessen.“ Und registriert, wie offen die Patienten für das Vorgehen waren. Reagierten sie skeptisch, wurden sie nicht selten mit Unfreundlichkeiten hinauskomplimentiert.

Doch viele von denen, die hilflos im Zahnarztstuhl saßen, ließen sich auf das Prozedere ein. Oft war es die Not der Patienten, die sie nur zu gerne sogar an puren Hokuspokus glauben ließ. Jene älteren Frauen etwa, die es im Zuge der langwierigen Behandlungen genossen, dass ihnen überhaupt ein Mensch Aufmerksamkeit schenkte. Wenn der Zahnarzt seine Hände auf den grauen Schopf legte, liefen bisweilen Tränen über das Gesicht, das schon lange niemand mehr berührt hatte. Auch Tumorpatienten waren eine große Zielgruppe für esoterische Ansätze. Aus ihren verzweifelten Fragen nach der Ursache ihres Leidens ließ sich ebenso Kapital schlagen wie aus der Einsamkeit. „Ich habe wiederholt erlebt, dass die Elementar-Angst von Tumorpatienten ausgenutzt wurde, um ihnen Komplettsanierungen ihrer Zähne anzudienen“, sagt Bertelsen.

Die meisten Zahnärzte arbeiten seriös. Ihr Ansehen könnte diskreditiert werden

Geködert werden diese und andere Patienten mit dubiosen Testmethoden wie der „Applied Kinesiology“, die sich ebenfalls im Fortbildungskatalog einiger Zahnärztekammern findet. In der Regel drückt der Arzt dabei gegen den ausgestreckten Arm des Patienten, während er ihm eine angeblich problematische Substanz zeigt oder in den Mund legt. Das kann ein Zahnfüllungsmaterial sein, aber auch ein Nahrungsmittel; was immer als „Stressor“ definiert wird. Eine Änderung der Muskelspannung soll dann eine Unverträglichkeit des Füllmaterials oder andere Zahnprobleme signalisieren. Studien haben – wenig überraschend – gezeigt: Die Methode ist wissenschaftlich unhaltbar. Dennoch verfängt sie bei einem Teil der Patienten. Sie unterziehen sich unnötigen, im schlimmsten Fall schädlichen Behandlungen.

Denn die fragwürdigen Therapien können mehr umfassen als ein bisschen teuren Balsam aus Zuckerkügelchen. Um gegen vermeintliche Unverträglichkeiten und Vergiftungen vorzugehen, werden mitunter intakte Füllungen oder Überkronungen ausgetauscht oder gar gut erhaltene Zähne gezogen. Im Extremfall holen Zahnärzte die Knochenfräse heraus, weil sie tief im Kiefer ein „Störfeld“ entdeckt haben wollen: Staehle sagt, er habe Patienten gesehen, denen auf der Grundlage wissenschaftlich nicht anerkannter Testmethoden Teile des Kieferknochens entfernt wurden. Der Mediziner spricht von „regelrechten Gebissverstümmelungen“. Tragen Patienten durch solche Eingriffe Schäden davon, kann es schwer werden, gerichtlich dagegen vorzugehen, warnt Staehle. Denn die Zahnmediziner könnten argumentieren, dass sie Methoden angewandt hätten, die sie bei Zahnärztekammer-Fortbildungen erlernt hätten.

Die Qualifizierungsangebote schaden zugleich dem Ansehen der gesamten Branche, kritisiert Bertelsen. Wer mit einer „Wünschelrutenmethodik“ nach Unverträglichkeiten sucht, diskreditiere die Arbeit der seriösen Umweltmediziner. Auch andere ernsthafte Bemühungen um die Mundgesundheit werden unterminiert: „Wöchentlich besuche ich Menschen in Altenheimen“, sagt Bertelsen. „Dort versuchen wir mühsam, mit den Pflegekräften und Bewohnern den Gebrauch von Zungenreinigern einzuüben, um Keime zu reduzieren, die alten Menschen möglicherweise gefährlich werden. Jetzt kommt die Bayerische Zahnärztekammer und will mit der Deutung von Zungenbelägen Kasse machen.“ Auf eine Anfrage zum Thema hat die Bayerische Zahnärztekammer nicht reagiert.

Bertelsen spricht sich für Esoterik-Beauftragte an den Ärztekammern aus, die Fortbildungsinhalte prüfen sollen. Staehle fordert, dass die Kammern gemeinsam mit Gesundheitspolitikern, Patientenschutzorganisationen, Kostenträgern und Verbänden auf Risiken der Alternativ- und Komplementärmedizin hinweisen. Davon ist allerdings nicht auszugehen. Inzwischen übernehmen sogar gesetzliche Krankenkassen die Kosten für einige der fragwürdigen Methoden. „Ein Alarmsignal, das gar nicht ernst genug genommen werden kann“, sagt Staehle dazu

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