Schülermythos:Bekommt man Fieber, wenn man Zahnpasta isst?

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Es geht um einen alten Schülermythos: Wenn eine wichtige Klassenarbeit ansteht und man daran nicht teilnehmen will, soll man am Vorabend Zahnpasta essen – zuverlässig stellt sich dann Fieber ein, also ein objektiv messbarer medizinischer Grund, zu Hause zu bleiben. Wie viel Zahnpasta man essen soll, darüber schweigt sich der Mythos aus.

Was kann an krank machenden Stoffen in der Zahncreme drin sein? Es geht natürlich um das Fluorid, das in fast jeder Zahnpasta steckt und uns vor Karies schützen soll. Der Stoff ist umstritten, zuletzt machte vor drei Jahren die Legende von der schleichenden Vergiftung der Bevölkerung die Runde (siehe Stimmt’s? Nr. 7/14).

Damals verwies ich auf die Regel des Paracelsus, dass die Dosis das Gift macht. Zu viel Fluorid kann tatsächlich schädlich sein. Kurzfristig droht eine akute Fluoridvergiftung, langfristig die chronische Fluorose, die sich vor allem in weißen Flecken auf den Zähnen äußert, bei höheren Dosen können auch die Knochen brüchig werden.
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Uns interessiert hier die akute Vergiftung mit Fluoriden. In der wissenschaftlichen Literatur kursiert eine „wahrscheinlich toxische Dosis“ (probably toxic dose, PTD) von fünf Milligramm Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einem Gewicht von 70 Kilo sind das 350 Milligramm Fluorid, das entspricht etwa dem Fluoridgehalt in drei Zahnpastatuben. Für kleine Kinder sind entsprechend geringere Mengen toxisch. Und Spezial-Fluorzahngel, das man nur einmal in der Woche anwendet, kann die zehnfache Konzentration enthalten – wenn ein Kleinkind daran genuckelt hat, sollte man zum Arzt gehen.

Wie äußert sich so eine Fluoridvergiftung? Die Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Magenkrämpfe, eventuell Atembeschwerden. Alles sehr unangenehm – aber von Fieber ist nicht die Rede. Ein Schüler, der sich quält und am Abend vor einer Klausur eine Tube Zahnpasta oder mehr verdrückt (ich weiß nicht, ob man das überhaupt schafft), erlebt unter Umständen eine sehr unangenehme Nacht. Am nächsten Morgen aber ist er höchstwahrscheinlich fieberfrei. Und muss mit Bauchschmerzen an der Prüfung teilnehmen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter http://www.zeit.de/audio

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