Nach OP ein Kiefer „wie ein Pferd“

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Zu einer Geldstrafe von 14 450 Euro verurteilte eine Strafkammer des Landgerichts Würzburg als Berufungsinstanz einen Zahnarzt (60) aus dem Raum Kitzingen wegen fahrlässiger Körperverletzung, weil der vor dem Einsetzen von Implantaten (künstlichen Zahnwurzeln) im Mund eines Patienten ohne Schablone gebohrt hat.

Zu einer Geldstrafe von 14 450 Euro verurteilte eine Strafkammer des Landgerichts Würzburg als Berufungsinstanz einen Zahnarzt (60) aus dem Raum Kitzingen wegen fahrlässiger Körperverletzung, weil der vor dem Einsetzen von Implantaten (künstlichen Zahnwurzeln) im Mund eines Patienten ohne Schablone gebohrt hat. Mit den neuen Zähnen habe sein Unterkiefer ausgesehen wie der eines Pferdes, so der 66-Jährige als Zeuge vor Gericht.

Er habe sich geschämt, „unter die Leute zu gehen“, weil jeder gleich fragte: „Ej was ist denn mit dir passiert?“ Im Mund sei nicht mehr ausreichend Platz für die Zunge gewesen, er habe fast ein Jahr lang nur Brei essen können.

Einen Prozesstag lang hatte Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen dem Angeklagten, der einen Freispruch oder zumindest die Einstellung des Verfahrens haben wollte, sozusagen die Zähne gezeigt: Davon sei man „Lichtjahre entfernt“. Es wurde eine Beweisaufnahme mit vielen Fragen über ärztliches Arbeiten im Millimeter-Bereich und Verfahren, die in Universitätskliniken noch angewandt, aber so der Angeklagte, „draußen“ längst weiterentwickelt wurden. Uni-Kliniken seien da „ein bisschen langsamer“.

Dann, nach einer Pause am frühen Abend, beschränkten die Verteidiger des Zahnarztes die Berufung auf die Höhe der Strafe, der Schuldspruch der ersten Instanz vom Mai 2013 wurde akzeptiert. Die damals vom Schöffengericht Kitzingen verhängte Geldstrafe von 48 000 Euro – 120 Tagessätze zu je 400 Euro – ist allerdings deutlich reduziert worden, weil das Einkommen des Arztes bei der Verhandlung in Kitzingen ohne dessen Angaben nur geschätzt werden konnte. Nach dem vorgelegten Einkommensteuerbescheid wurde die Tagessatz-Höhe auf nur noch 170 Euro festgelegt.

Der Rentner aus dem Landkreis Main-Spessart hatte für die Total-Sanierung seines Gebisses bereits einen Operations-Termin in der Würzburger Uni-Zahnklinik, hat dann allerdings in einem Anzeigenblatt die Werbung des Angeklagten gelesen und sich trotz längerem Anfahrtsweg für dessen Methode entschieden.

Die war in der Anzeige als schneller, kostengünstiger und schonend geschildert worden: minimalinvasiv, mit kleinen Bohrstollen statt Schnitten ins Zahnfleisch und „festen Zähnen“ meist gleich nach dem Eingriff. Vom ersten Beratungsgespräch an habe er sich, so der Zeuge, bei dem Angeklagten gut aufgehoben gefühlt und dem voll vertraut.

Fünf Stunden unter Vollnarkose

Der Rentner berichtete von sehr schmerzhaften Komplikationen über Monate hinweg, sprach von einem „Martyrium“, auch seelisch, er habe in der Zeit viel geweint. Trotz allem blieb er vor Gericht ruhig. Jeder kann mal einen Fehler machen, sagte er, auch ein Zahnarzt, der solle dann aber auch dazu stehen und das vermisse er beim Angeklagten. Dass etwas schief gelaufen sein muss, sei ihm endgültig klar geworden, als er sich nach einem Nachbehandlungstermin von dem Arzt verabschiedete. Da habe dessen Hand spürbar gezittert. Auffällig sei für ihn auch gewesen, dass ihm der Zahnarzt für die auf etwa 16 000 Euro angesetzten Behandlungskosten keine Rechnung schickte.

Das Entfernen von Restzähnen und Einfügen von 18 Implantaten unter Vollnarkose hatte etwa fünf Stunden gedauert: Für die Heimfahrt gab man dem Patienten einen Eimer mit, falls sich im Auto „Nachwehen“ der Vollnarkose einstellen sollten. In der ersten Instanz hatte die Staatsanwaltschaft die Behandlung des Rentners als „Super-Gau“ und „Totalschaden“ bezeichnet.

Prof. Dr. Manfred Wichmann, Klinik-Chef in Erlangen und als Experte für Zahn-Implantologie gefragter Gutachter, hielt den Einsatz einer Bohr-Schablone bei der Behandlung des Patienten für unverzichtbar. Die Schablone, ohne großen finanziellen Aufwand im Labor herzustellen, solle verhindern, dass Implantate „hinkommen, wo sie nicht hingehören“ und auf dieses Hilfsmittel habe der Angeklagte bewusst verzichtet. Man dürfe sich bei dieser Tätigkeit nicht „aufs Glück“ verlassen.

Die vom Patienten geschilderten Folgen wären durch korrekte Positionierung der Implantate nach Bohren mit Schablone vermeidbar gewesen und hätten nicht nachträglich korrigiert werden müssen. Das Urteil der Strafkammer ist rechtskräftig.

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