Ein Zahnarzt, der den Ärmsten hilft

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Hurjudin, 26, steht vor der Bahnhofsmission am Hamburger Hauptbahnhof und hält sich mit der rechten Hand die linke Wange. „Ich bekomme meinen Mund nicht mehr auf, mein Backenzahn muss dringend gezogen werden“, sagt der Tischlermeister aus Montenegro. Aber Hurjudin Pusija hat ein Problem: Er ist erst seit einem Monat in Deutschland und hat noch keine Krankenversicherungskarte.

 Es ist 9.15 Uhr an diesem Vormittag und mit dem Mann aus Montenegro stehen zehn weitere Männer und Frauen vor der Bahnhofsmission. Sie alle haben das gleiche Problem: Sie haben höllische Zahnschmerzen. Aber entweder haben sie keine Krankenversicherung oder sie schämen sich zu einem niedergelassenen Zahnarzt zu gehen, weil sie obdachlos sind oder die deutsche Sprache nicht können.

Acht Minuten später naht Hilfe für die Zahnkranken vor dem Hamburger Hauptbahnhof. Ein weißer Mercedes Sprinter hält vor der Bahnhofsmission: das Zahnmobil der Hamburger Caritas. Der Transporter ist die erste rollende Zahnarztpraxis in Deutschland. Im Innenraum befindet sich eine komplette Zahnarztpraxis.

An Bord sind an diesem Tag der Elmshorner Zahnarzt Dr. Bernd Ossenkop, 65, und die Zahnmedizinische Fachangestellte Christine Himberger. Sie werden bis 12 Uhr sieben Schmerzpatienten behandeln. Drei Zähne wird Bernd Ossenkop ziehen und am Ende des Vormittages bilanzieren: „Wir haben heute die ganze Palette der Zahnheilkunde eingesetzt: Füllungen, Wurzelfüllungen, Extraktionen und Statusaufnahmen.“

Als der Fahrer des Zahnmobils, Matthias Trensch, die Hintertüren zur mobilen Zahnarztpraxis öffnet, ist die Aufregung groß unter den Menschen, die alle aus dem Ausland kommen. Matthias Trensch verteilt Zettel mit Nummern von eins bis sechs – Hurjudin Pusija ist leer ausgegangen. Er fleht den Fahrer an: „Bitte, bitte, geben Sie mir auch einen Zettel, ich kann nichts mehr essen.“

Matthias Trensch hat Mitleid mit dem Mann aus Montenegro und gibt ihm einen Zettel mit der Nummer sieben. Die anderen Zahnkranken sollen am Nachmittag zur Übernachtungsstätte Pik As in der Hamburger Neustadt kommen. Dorthin wird das Zahnmobil zu einer zweiten Schicht aufbrechen.

Der Zahnarzt Bernd Ossenkop arbeitet an diesem Tag ehrenamtlich im Zahnmobil. Seine Frau Christa, sie ist auch Zahnärztin, vertritt ihn in der Praxis in Elmshorn. Mindestens einmal im Monat behandelt der 65-Jährige die Ärmsten der Armen in Hamburg, seit dreieinhalb Jahren. „Ich habe meine Praxis seit 34 Jahren“, sagt Bernd Ossenkop, „es geht mir nicht darum, noch weitere Reichtümer herauszuziehen.“

Patient Nummer zwei an diesem Vormittag ist Herr Zolin aus Polen. Seine Turnschuhe sind ausgetreten, seine Fingernägel dreckig. „Tschuldigung, ich stinke ein bisschen“, sagt er, „ich wohne auf der Straße.“ Herr Zolin lebt schon seit 26 Jahren in der Hansestadt. „Wie lange haben sie schon Beschwerden?“, will Bernd Ossenkop wissen. „Schon lange“, sagt der Pole.

Bernd Ossenkop untersucht die Zähne mit einem Spiegel. „Dieser Zahn muss entfernt werden“, lautet seine Diagnose. Es ist ein Backenzahn, in der Zahnarztsprache der „4/7-er“. „Die hintere Wurzel hat keine Verbindung zur Zahnkrone“, analysiert der Zahnarzt, „der Zahn ist zerstört und nicht erhaltungsfähig.“ Bernd Ossenkop setzt zweimal eine Spritze, dann zieht er den Zahn. Nach 20 Minuten verlässt Herr Zolin das Zahnmobil. Leise sagt er „Danke schön“.

Patientin Nummer vier kommt aus Rumänien und spricht kein Wort Deutsch, nicht einmal „Ja“ oder „Nein“ versteht sie. Vor einer Woche hat einer der 27 ehrenamtlichen Zahnmobilärzte ihr beim „3/7er“ Karies entfernt und eine provisorische Füllung gelegt. Eine Zahnarzthelferin hat die Behandlung auf einer Dateikarte dokumentiert. Jetzt wird Bernd Ossenkop den Zahn endgültig füllen. „Die Verständigungsprobleme erschweren die Behandlung“, sagt der Zahnarzt, „man kann die Patienten nicht so führen wie Patienten, die Deutsch sprechen.“

Im vergangenen Jahr hatten drei Viertel der Zahnmobil-Patienten einen Migrationshintergrund. Mehr als ein Viertel der Patienten kam aus Bulgarien, 15 Prozent kamen aus Rumänien und knapp 13 Prozent aus Polen. Der Anteil von Männern lag bei 77 Prozent. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 30 Jahren, im Jahr zuvor noch bei 42,5 Jahren.

Die Behandlung im Zahnmobil, sagt Bernd Ossenkop, sei im Vorwege überhaupt nicht planbar. Wie viele Patienten kommen? Welche Probleme haben sie? Wie lange dauere die Behandlung? Das alles bleibe offen, anders als oft in der Zahnarztpraxis.

Um kurz vor 12 Uhr hat auch Patient Nummer sieben, Hurjudin Pusija aus Montenegro, einen Backenzahn weniger und Bernd Ossenkop zieht sich die Plastikhandschuhe aus. Sein Resümee an diesem Vormittag: „Diese sieben Patienten hatten einen Zahnarztbesuch dringend nötig.“

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