Schweiz: von Swiss-Smile bis Budgetdent

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Branchenprimus Zahnarztzentrum.ch hat in Dietikon eine Filiale eröffnet. Damit wächst der Konkurrenzdruck. Der Branchenverband der Schweizer Zahnärzte kritisiert unter anderem die aggressive, «berufsethisch nicht angemessene» Werbung.
 Roger Naef redet sich gerade in Rage. Der Präsident der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO) Sektion Zürich hat nichts gegen die grossen Zahnzentren, die seit geraumer Zeit überall in der Region Zürich Filialen eröffnen. Aber muss man immer über sie berichten? Hat schon mal jemand über die wertvolle Arbeit all der Zahnärzte berichtet, die sich seit Jahrzehnten um ihre Patienten kümmern? Und gibt es bei den Zentren überhaupt eine Bindung zwischen Patient und Zahnarzt? «Es sind junge Zahnärzte», sagt Naef. «Die nutzen die Zentren als Sprungbrett.» Schwups, dann sind sie wieder weg und der Patient weiss nichts davon.

«Die Zahnärzte der SSO Schweiz haben über Jahrzehnte für den guten Ruf der Zahnmedizin in der Bevölkerung gesorgt», sagt Naef. Sie besuchen Kongresse und Weiterbildungen, sie haben die Bevölkerung sensibilisiert: Es gibt entsprechend wenig Löcher und Zahnfleischprobleme.

Die Zahnärzte: Sieben von zehn führen eine Einzelpraxis. Seit zehn Jahren wird ihr Kuchen kleiner und die Konkurrenz grösser. Ökonomen haben sich mit grossen Ketten in der Branche breitgemacht. Gleichzeitig hat der Bund mit den bilateralen Verträgen massenhaft ausländische Diplome anerkannt: Über 3400 waren es bis Ende 2012. Zum Vergleich: In der Schweiz praktizieren laut SSO rund 4600 Zahnärzte.

Zwei Ketten in Dietikon

Christoph Hürlimann ist einer der Ökonomen, die die Branche aufwirbeln. In den letzten zehn Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau, einer Zahnärztin, die Kette Zahnarztzentrum.ch aufgebaut. 21 Standorte gibt es inzwischen. Letzten Montag ist Nummer 22 im Dietiker Bahnhof eröffnet worden. Wie alle anderen Filialen befindet sich auch diese in einem Gebiet mit hoher Einwohnerdichte und guter Erreichbarkeit für Pendler.

Kritik der Standesorganisationen nimmt HSG-Absolvent Hürlimann gelassen. Dafür weist er eindrückliche Zahlen vor: 70 Millionen Umsatz sind das Ziel für dieses Jahr, gegen 500 Mitarbeiter hat sein Unternehmen, das auch ein Lebensgefühl verspricht: Flexibilität total für gestresste Pendler. Dank Zweischichtbetrieb werden Kunden auch ausserhalb der Bürozeiten bedient, und das 365 Tage im Jahr. «Auf dem Weg zur Arbeit noch kurz zur Dentalhygiene», heisst es in der Werbung. Die Zahnärzte auf der Homepage sind jung, viele sind ausländischer Herkunft und kommen oft aus Deutschland. Der Preis seiner Dienstleistungen liege im Schnitt der Schweizer Praxen, sagt Hürlimann.

Ökonom ist auch Stefan H. Vogt. In einer Branche, in der das Motto «Geiz ist geil» imageschädigend sein kann, hat er die Tiefpreiskette Budgetdent aufgebaut. Alle Filialen sind nach dem Baukastensystem aufgebaut, sehen gleich aus und sind so platzsparend wie möglich, um Miete zu sparen. Seit gut einem Jahr hat Vogt auch in Dietikon eine Filiale und ist zufrieden, auch wenn sie «noch Potenzial» habe. Pendler, Bevölkerungswachstum und die Altersstruktur der Konkurrenten seien Faktoren für den Standort Dietikon gewesen.

Konkurrenz sieht es gelassen

Rund um den Bahnhof hängen zahlreiche Werbeplakate von Budgetdent. Hat man Angst vor dem Konkurrenten, der dort eingezogen ist? «Zufall», sagt Vogt. «Das Zahnarztzentrum macht uns nicht nervös.» Und auch Zahnarztzentrum-Betreiber Christoph Hürlimann hat seinerseits keine Angst vor der Konkurrenz. «Budgetdent? Nie gehört», sagt er abgeklärt.

Auch das Dental Center Limmattal gibt sich gelassen. Vor zehn Jahren haben sich dort sechs Zahnärzte in einer Gruppenpraxis vereint. Mit ausgedehnten Öffnungszeiten und neuster Technik sei man gut gerüstet, sagt Zahnarzt Umberto Schläpfer.

Zu aggressive Werbung

Die grossformatige, aggressive Werbung: An ihr stossen sich die Standesorganisationen. «Für Mediziner ist diese Art der Werbung berufsethisch nicht angemessen», sagt Marco Tackenberg, Mediensprecher der Schweizer Zahnärztegesellschaft SSO. Besonders Discountangebote kritisiert der Verband, der bezweifelt, dass die Versprechen immer erfüllt werden. Roger Naef von der Zürcher SSO kritisiert zudem die Werbung für den 365-Tage-Notfalldienst. «Das ist keine Erfindung der Zentren. Die SSO bietet schon seit Jahrzehnten einen fachkompetenten Notfalldienst an.»

2010 liess der SSO eine Umfrage durchführen. Der Anteil unzufriedener Patienten sei bei den Zentren höher gewesen, sagt Marco Tackenberg. 11 Prozent waren dort unzufrieden oder weniger zufrieden. Bei den SSO-Zahnärzten waren es nur zwei Prozent. Kantonszahnärztin Teresa Leisebach widerspricht da: Mit der Eröffnung der Zahnarztzentren sei keine Zunahme der Beschwerden verbunden.

Hoher Frauenanteil hilft Zentren

Allerdings übt die Standesorganisation auch Selbstkritik: Gerade für junge Kräfte seien die Zentren eine Chance. Denn viele Zahnärzte könnten sich keine Assistenten mehr leisten, da die Zahnärztedichte mittlerweile zu hoch sei. Hinzu kommt: 63 Prozent der jungen Zahnärzte sind Frauen, die oft Teilzeit arbeiten möchten. Unter Zahnärzten wird gerade der Frauenanteil als Grund genannt, warum Zentren oder Gruppenpraxen in der Agglomeration zunehmen.

Roger Naef stellt fest, dass auch Männer vermehrt nur noch 80 Prozent arbeiten möchten. «Das geht für eine eigene Praxis nicht. Mit 80 Prozent kann man sich nicht derart verschulden und bekommt schon gar kein Geld von den Banken.» Eine neue Praxis koste schnell einmal gegen eine Million. Trotzdem glaubt Naef nicht, dass die Einzelpraxis ein Auslaufmodell ist. «Langfristig ist man zufrieden, wenn der Zahnarzt gute Arbeit leistet, für die er mit seinem Namen geradesteht», sagt der Mann, dessen Vater schon Zahnarzt war.

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