Nur der Zorn auf Tchibo hat Biss

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Der Zorn entzündet sich an einer Geschäftsidee von Tchibo: Bis 26. August vertreibt der Kaffeehändler in seinem breiten Zusatzsortiment auch eine sogenannte Zahnersatz-Card für 24 Euro. Innerhalb von zwei Jahren kann der Kunde damit Zahnersatz des Dentallabors Novadent zu angeblich günstigen Konditionen beziehen. Novadent lässt in Manila auf den Philippinen fertigen und hat in Hamburg ein Dentallabor für Nachbesserungen. Doch die Nachfrage scheint nicht überbordend zu sein. Man sei „nicht unzufrieden“ mit dem Absatz, sagt der Pressesprecher des Unternehmens, Andreas Engelmann. Konkrete Zahlen nenne man nicht, aber es sei Tradition des Hauses „mit neuen und überraschenden Angeboten“ zu kommen.

Die Überraschung ist gelungen, aber die Kritik folgte prompt und „Werbegag“ war das mildeste Urteil. Mit einer einstweiligen Verfügung kassierte ein Mitbewerber vor dem Düsseldorfer Landgericht zunächst einmal eine Werbung von Tchibo, worin es hieß, man sei 50 Prozent billiger: der Vergleichsmaßstab fehlte. In Krefeld verteilte ein Zahntechniker in der Fußgängerzone medienwirksam Kaffeepakete für Leute, die bei ihm Zahnersatz ordern: eine Revanche. Und wer mit Tobias Kiesewetter spricht, Vorstand der Flemming-Gruppe, einem deutschen Labor mit 1400 Mitarbeitern, der hört Angst um die Branche heraus: von 2005 bis 2013 seien 21 000 Jobs bei den deutschen Zahntechnikern verloren gegangen. Die Automatisierung habe ebenso „massive Auswirkungen“ wie der wachsende Auslandsmarkt. Kiesewetter bringt das Beispiel einer Patientin mittleren Alters, die so unzufrieden war mit ihrem ausländischen Zahnersatz, dass sie ein Jahr nicht zum Zahnarzt ging: „Ihr sind vier Zähne weggefault.“ Zehn Prozent des Zahnersatzes in Deutschland werden laut einer Studie von 2009 im Ausland gefertigt, die Hälfte davon in China – Tendenz steigend.

Die Ärzteverbände sehen den Bogen überspannt

Die hiesigen Labors haben in den Ärzteverbänden einen Verbündeten: Gesundheit sei „keine Ware“ sagt Dietmar Österreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer: „Wenn Filialisten die Patientengesundheit für ihr Marketing benutzen und Rabattkarten ohne medizinische Sinnhaftigkeit verkaufen, ist der Bogen überspannt.“ Ob ein Patient Zahnersatz benötige, könne „kein Kaffeeröster“ entscheiden, sondern nur der Zahnarzt. Und der hafte „vollumfänglich für den Zahnersatz“. Bei Anpassungen oder Nachbesserungen sei ein Labor in der Nähe sehr vorteilhaft.

Das sieht auch Udo Lenke so, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg: Seit 20 Jahren arbeite er in seiner Praxis in Vaihingen an der Enz mit einem örtlichen Labor zusammen. Das sei ein gutes Zusammenspiel, man kenne die Materialien, die Verfahrensweisen: „Bei uns passen 90 Prozent der Prothesen auf Anhieb.“ Mit ausländischen Anbietern hat Lenke nie kooperiert, aber er will nicht verschweigen, dass „einige Kollegen“ mit ihnen gute Erfahrung gemacht hätten. Das Angebot von Tchibo findet Lenke seltsam: 24 Euro für nichts anderes als eine Art Vermittlung?

Zahnexperten sehen den Markt in Bewegung

Bei der Patientenlobby und Verbraucherschützern fällt das Urteil über Tchibo moderater aus: Der Fall zeige, „dass der Markt in Bewegung ist“, sagt der Zahnexperte Gregor Bornes vom Kölner Gesundheitsladen. Natürlich könne man fragen, ob ein Kaffeehändler Gesundheitsdienstleistungen anbieten dürfe. Aber es sei gut, wenn die Debatte „die verkrusteten Beziehungen zwischen Zahnärzten und Zahntechnikern“ lockere. „Zahnersatz kostet richtig viel Geld“, sagt Dörte Elß von der Verbraucherzentrale Berlin. Sie hat es oft mit Kleinrentnern in der Beratung zu tun, die sie zunächst auf die Härtefallregelung aufmerksam macht. Diese greift bei Alleinstehenden – um ein Beispiel zu nennen – bei einem Einkommen unter 1078 Euro. Die „Härtefälle“ haben laut Sozialgesetzbuch Anspruch auf den doppelten Festzuschuss. Wählen sie die Regelversorgung und verzichten auf Edelmetall, übernimmt die Krankenkasse sogar 100 Prozent der Kosten. In dem Fall müsste der Patient eigentlich kein Interesse am Billigzahnersatz haben – ihm entstehen ohnehin keine Kosten.

Nur wenige wissen über die Härtefallregelung Bescheid

Bei Versicherten, die knapp über der Einkommensgrenze liegen, gilt eine gleitende Härtefallregelung. Aber diese Härtefallregel sei vielen Versicherten völlig unbekannt, sagt Elß, und plädiert dafür, dass die Kassen jedem Heil- und Kostenplan eine Information darüber beilegen. Natürlich sei es möglich, mit einer Zahnprothese aus dem Ausland etwas Geld zu sparen. Ob man dazu die Zahnersatzkarte von Tchibo braucht, lässt Elß offen.

Eine Hürde sei sicher, dass es in Deutschland 54 000 Zahnärzte gebe, von denen aber nur 1000 mit dem Tchibo-Vertragspartner Novadent kooperierten – im Raum Stuttgart sind es nur vier. Man müsste also in vielen Fällen seinen Zahnarzt des Vertrauens verlassen und wechseln. Elß regt eine Alternative an: „Man könnte auch seinen Zahnarzt direkt fragen, ob er mit einem ausländischen Labor kooperiert.“ Auf jeden Fall sollte man sich eine Zweitmeinung einholen. Und man könnte bei der Krankenkasse anfragen, „was sie einem bieten kann“.

In der Tat machen viele Kassen aus Servicegründen Spezialangebote: Versicherte der AOK Baden-Württemberg können etwa bei deren Vertragspartner Laufer Zahntechnik durchschnittlich 20 Prozent ihres Eigenanteils sparen. Über den Partner „zahngebot.de“ seien noch höhere Einsparungen möglich, sagt ein Pressesprecher. Aber die Zahl der Versicherten, welche die Angebote nutzten, sei „überschaubar“. Mit dem Zahnarzt über die Kosten des Materials zu feilschen, fällt vielen offenbar noch schwer.

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