Kronen statt Bohnen: Tchibo goes Zahnkronen

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so titelt Bild über das neue Gimmick fon Tchibo: Zahnkrönchen vom Kaffeeröster? Wer hätte gedacht, in der Geiz_ist_geil-Debatte ging es nicht mehr tiefer, der sieht sich getäuscht. Denn was hier über den Tresen geht, da dürfte sich so mancher über den Tisch gezogen fühlen.

Anscheinend kann hier niemand rechnen, oder es ist einfach nur dreist. Wer eine billige Kronen haben will, bekommt sie auch ohne „ZahnersatzCard“ und das noch günstiger, denn die Sonderangebote der Überseekronenmacher gibts auch so und ohne Tchibo.

Es fing an mit Kochbüchern. In den 70er-Jahren verkaufte Tchibo neben Kaffee erstmals Gebrauchsartikel. Zu Mobilfunkverträgen, Toilettenrollenhalter, Ökostrom oder Damen-Gartenscheren zum Schnäppchenpreis gesellt sich jetzt auch Zahnersatz – aus Manila.

Kunden können ab 16. Juli online und ab 23. Juli in den Filialen einen Monat lang eine sogenannte „ZahnersatzCard“ kaufen – für 24 Euro. Der Hamburger Handelsriese bietet die Karte in Kooperation mit dem Zahnlabor Novadent an. Mit ihr sollen Kunden zwei Jahre lang „qualitativ hochwertigen Zahnersatz, zu attraktiven Preisen erhalten, die bis zu 50 Prozent unter dem regulären Angebot liegen“, heißt es bei Tchibo. So kostet etwa eine Metallkrone mit Keramik mit der Karte 120 Euro statt der bei Novadent üblichen 167 Euro. Eine Vollkeramikkrone gibt es für sparsame 120 Euro statt 184 Euro.

Egal ob Krone, Brücke oder Implantat – bei Novadent kommen sie aus Fernost. Im Jahr 1987 verlegte das Hamburger Labor Teile seiner Produktion nach Asien. Seit 1994 fertigen 180 Mitarbeiter im eigenen Labor in der philippinischen Hauptstadt Manila den Zahnersatz an. „Dort sind die Personal- und Laborkosten billiger“, erklärt der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer Dietmar Oesterreich die günstigen Preise. „Durch die Produktion in Manila können wir die Kostenvorteile direkt an die Patienten weitergeben“, sagt Novadent-Sprecherin Cathrin Westermann. Bei Novadent könne man zudem den „hohen Anspruch an Funktionalität und Ästhetik dauerhaft gewährleisten“, weil dieser im eigenen Labor in Manila gefertigt und nicht eingekauft werde

Dass Firmen Zahnersatz preiswert in Fernost produzieren lassen, ist an sich nichts Neues. „Zahnersatz aus dem Ausland ist nicht grundsätzlich schlecht“, sagt dann auch Regina Behrendt, Referentin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im Bereich Gesundheitsmarkt. Auch dieser muss nach den Regeln des deutschen Medizinproduktegesetzes gefertigt werden.

Das Labor und Tchibo treffen mit seiner Zahnersatz-Aktion zum angepriesenen Schnäppchenpreis durchaus einen Nerv. Dem Zahnreport 2013 der Krankenkasse Barmer GEK zufolge steigen die Kosten für Brücken, Kronen und Implantate stetig. So betrugen die Durchschnittskosten für Zahnersatz im Erhebungsjahr 2009 rund 1400 Euro pro Person – das entspricht einem Anstieg von 18 Prozent seit 2005. Zudem mussten die Patienten laut der Studie im Durchschnitt mehr als die Hälfte der Kosten selbst zahlen.

„Ob das Angebot wirklich sehr preiswert ist, kann man pauschal so nicht sagen. Das kommt beim Zahnersatz immer auf den individuellen Fall an“, bewertet Behrendt die Tchibo-Karte. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung kann keine Durchschnittspreise nennen – das hänge stark von den Materialkosten ab. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen empfiehlt Patienten aber grundsätzlich, die Preise zu vergleichen – etwa über Auktionsportale im Internet.

Die Tchibo-Karteninhaber erhalten lediglich einen Preisnachlass auf die Kosten des Zahnlabors. Der Kassenärztliche Bundesvereinigung zufolge sind die aber nicht zu knapp. Immerhin 60 bis 70 Prozent der Gesamtkosten entfallen im Durchschnitt auf die Beschaffung des Materials und die Leistung des Zahnlabors. Die Zahnarztkosten verringern sich aber durch die Tchibo-Karte nicht.

Zudem muss der jeweilige Zahnarzt auch damit einverstanden sein, den Zahnersatz von Novadent zu verwenden. „In der Regel hat der Zahnarzt ein Labor, mit dem er zusammenarbeitet und dem er vertraut, um für den Patienten ein optimales Ergebnis zu gewährleisten“, sagt der Bundesärztekammer-Vizepräsident Oesterreich. Denn falls es zu Komplikationen komme, hafte immer der Zahnarzt. Nicht nur für seine Arbeit, sondern auch für den Zahnersatz aus dem Labor.

Die Tchibo-Karte schränke die „freie Zahnarztwahl der Patienten“ heißt es bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Novadent arbeitet aber mit rund 1000 Zahnarztpraxen in Deutschland zusammen. Die meisten Zahnärzte hätten aber kein Problem damit, Novadent zu beauftragen – „auch wenn es nicht das Stammlabor ist“, sagt Westermann

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer sieht die Tchibo-Karte, die neben den Rabatten auch mit einer verlängerten Garantiezeit auf Material- und Herstellungsleistungen wirbt, lediglich als „Marketing“ an. „Tchibo steht für preiswert und günstig. Aber Zahnersatz ist eine medizinische Leistung, das hat mit Kaffeebohnen nichts zu tun“, sagt er.

Es ist nicht das erste Mal, dass Tchibo das klassische Non-Food-Geschäft mit Artikeln aus den Bereichen Haushalt, Bad oder Reisen verlässt. So bot das Unternehmen auch schon Versicherungen an – unter anderem auch für Zahnersatz. Unter dem Logo Asstel vermittelte Tchibo dabei Produkte der Gothaer Krankenversicherung, ehe sich Tchibo Ende 2010 von dem Geschäft wieder zurückzog. Damals klagte der Verein „Wirtschaft im Wettbewerb“. Dabei ging es um die Frage, ob Tchibo lediglich ein Tippgeber sei und deshalb keine Genehmigungspflicht benötige oder ob er die Versicherungen tatsächlich vermittelte. Das Oberlandesgericht Hamburg verbot im Jahr 2012 die Praxis des Handelsriesen. Der Fall liegt jetzt beim Bundesgerichtshof.

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