Heimbewohner im Akkord behandelt?

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Staatsanwalt Thomas Böx schilderte vor Gericht, dass der Arzt in den Jahren 2010 und 2011 in ganz erheblichem Umfang in mehreren Senioren- und Pflegeheimen aktiv war: Seine Besuch kündigte er selbst jeweils wöchentlich per Fax an. Dann untersuchte er die teilweise dementen Senioren nur kurz. Weil es bis zu 70 Patienten pro Tag waren, blieb kaum mehr als zwei bis fünf Minuten Zeit, in denen der Arzt vorwiegend kleine Eingriffe vornahm, etwa Druckstellen am Gebiss behandelt. Richter Paul Georg Pfluger fand einen bildlichen Vergleich: „Das geht doch nur, wenn die da sitzen, wie in einer Legebatterie.“ Zudem hat der Mann viele Bewohner pro Quartal etliche Male behandelt, bis zu 19-mal pro Abrechnungszeitraum.

Bei solchen Zahlen wiesen die vierteljährlichen Abrechnungen mit der Kassenzahnärztlichen Vereinigung große Summen auf: Sie lagen pro Quartal zwischen 12 035 und 22 465 Euro. Insgesamt kamen so in zwei Jahren 137 535 Euro zusammen – betrügerisch erworben.

Zwar sei er von den Pflegedienstleitungen der Heime auch nicht explizit angefordert worden, betonte der Staatsanwalt. Doch sie machten das Procedere mit und hätten schon die Krankenkassen-Karten der Bewohner bereitgelegt gehabt.

Richter Pfluger brachte es auf den Punkt: „Die Kernfrage ist doch, ob all das medizinisch überhaupt notwendig war.“ Denn der Mann sei ja unaufgefordert erschienen. Pfluger hegte den Verdacht, dass „die teilweise dementen Patienten als Selbstbedienungsladen für ärztliche Einkünfte herangezogen“ wurden.

Verteidiger Axel vom Brocke gab zur Entlastung seines Mandanten zu bedenken, dass die zahnmedizinische Versorgung in den Altenheimen nicht gerade optimal sei. „Die meisten Zahnärzte gehen gar nicht hin.“ Dem Angeklagten sei also auch das Wohl der alten Leute am Herzen gelegen.

Und nicht nur das, wie der Richter die Patientenbesuche des Mannes interpretierte: „Es drängt sich allerdings die Annahme auf, dass auch die finanzielle Versorgung seiner eigenen Person eine wichtige Rolle gespielt hat.“ Er habe aber auch explizite Aufträge für zahnmedizinischen Maßnahmen erhalten, verteidigte sich der Mediziner. Pfluger äußerte Bedenken: „Ich kann mir das gut vorstellen: Man geht durch den Aufenthaltsraum und findet den einen oder anderen und glaubt, sie könne man immer weiter behandeln. Mit den Betreuern hat man nur in Fällen prothetischer Eingriffe gesprochen.“

Da der 60-Jährige vor drei Jahren wegen eines ähnlichen Delikts zu 9000 Euro Geldstrafe verurteilt worden war, kam nun nur eine Freiheitsstrafe in Betracht: Pfluger verhängte wegen achtfachen Betrugs – gerechnet nach Quartalen – 18 Monate, für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Zudem muss er die 137 535 Euro zurückzahlen und 160 Sozialstunden leisten.

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