ärztlicher Ethos Adieu? Praxen werden zu Dienstleister

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Das neue Motto ist: wo der Patient König (schon?) ist

Sie sind der „Zwei-Minuten-Medizin“ entfleucht, betreiben schicke Praxen oder Privatkliniken, werden von Kollegen beneidet und behaupten unisono: „Wir sind dazu gezwungen worden, Unternehmer zu sein.“ Egal ob sie Zahnbrücken einsetzen, Pos straffen oder Krampfadern verschwinden lassen.
Venenspezialist Thomas Proebstle kündigte vor sechs Jahren seine Professur am Uniklinikum in Heidelberg. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wenig wirtschaftliche und kreative Spielräume es im normalen Klinikalltag gibt.“ Trotz Professur hatte er keine Budgetgewalt, weder zur Aufstockung des Sekretariats, noch um Wartezimmerstühle anzuschaffen, erinnert er sich. Heute beschäftigt er allein drei Mitarbeiterinnen, damit die Patienten nicht zu lange auf Termine oder Befunde warten. Dass er jetzt eine eigene Privatklinik in der Mannheimer Innenstadt und noch mehr klinische Forschung als früher betreibt, liegt nicht nur an der engen Anbindung, die er an die Uni Mainz und auch in die USA pflegt, sondern auch am „Geheimnis des Mittelstands“ – das Proebstle darin sieht, dass man Ideen zum Beispiel für Medizinprodukte tatsächlich umsetzen kann und nicht jahrelang auf Genehmigungen warten muss. Sein Vorbild sind die Start-ups im Silicon Valley.
Unternehmergeist sieht auch Darius Alamouti als Mission, aber er bezeichnet sich selbst nicht gerne als „Unternehmer“. Der Schönheitschirurg hält vor Kollegen Vorträge über das richtige Marketing oder die richtige Software. Seit zwölf Jahren betreibt er seine „Haranni Clinic“ in Herne, beschäftigt eine PR-Expertin, eine Designerin und eine Klinikmanagerin. Er kann genau ablesen, dass jeden Tag 400 Menschen auf seine Internetseite klicken und rund 50 von ihnen schließlich auch anrufen. Denn, so weiß Alamouti: „70 Prozent der Patienten informieren sich über das Internet, bevor sie einen Arzt konsultieren.“ Fachwissen sei wichtig, aber im Kampf um die Patienten seien noch zwei weitere Dinge wichtig: Die Außendarstellung, sprich die Webseite, und die Praxisräume müssten einfach ansprechend sein. Und drittens sei Empathie heute viel wichtiger als früher. Wer seinen Patienten nicht zuhöre, könne sie nicht gewinnen.
Zeitenwechsel auch in der Zahnmedizin: „Wenn Sie als Einzelkämpfer alle Richtlinien erfüllen wollen, dann können Sie nur noch die Hälfte der Patienten versorgen“, argumentiert Oliver Maierhofer, Mitgründer der Pluszahnärzte in Düsseldorf, einem vor 20 Jahren gegründeten Verbund von mehr als 30 Zahnärzten mit 180 Mitarbeitern.
Auch Zahnmediziner Alexander Berstein ist ins unternehmerische Lager vorgedrungen. Nachdem er bereits eine eigene Praxis und eine eigene Klinik für Privatpatienten betrieben hatte, wollte er „nicht länger Akkordarbeiter der Massenzahnmedizin sein“. 2007, als die Krankenkassen nur noch wenig zum Zahnersatz zuzahlten und es bei den Zahnärzten Mode wurde, eigene Privatpraxen und Zahnkliniken mit viel Marketingaufwand zu betreiben, fühlte sich Berstein in diesem Segment nicht mehr wohl. Er gründete das Netzwerk Dr. Z, dem heute bundesweit zwölf Praxen angehören. Sie bieten Brücken oder Kronen, für die Kassenpatienten normalerweise kräftig zuzahlen müssen, zum Nulltarif. Das gehe, weil er den Zahnersatz in asiatischen Laboren fertigen lasse, die aber alle Tüv-geprüft seien und den europäischen Richtlinien entsprächen, betont er. Kosten spart Dr. Zmit seinen 14 Millionen Euro Umsatz, weil er Einkaufsvorteile realisieren kann und Buchhaltung und Marketing bündelt. Berstein will aber nicht als Discounter wahrgenommen werden, wie die Zahnarztkette McZahn, die 2006 startete, aber schon zwei Jahre später pleiteging. Auf die Frage, ob er eher Arzt oder Unternehmer sei, antwortet Berstein: „Damit ich als Arzt für meine Leistung auch künftig geradestehen kann, musste ich mir unternehmerisch etwas einfallen lassen.“ Dazu gehöre Mut und eine Spürnase für die Lebenswirklichkeiten – von Patienten und Zahnärzten.

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