Die Zahnarztgattin mit den langen Fingern . . .

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28 Jahre war Marion W. (60) mit einem Zahnarzt verheiratet, bei dem die Studienrätin in der Praxis mitarbeitete. Sie wurde geschieden, bekam einen Job in der Praxis eines anderen Zahnarztes – und dort zweigte sie fast 50 000 Euro für sich ab. Ihr Motiv war offenbar nicht Geldnot: Sie fühlte sich für ihre Arbeit unterbezahlt. Gestern war der Prozess vor dem Amtsgericht. „Ein seltener Fall“, staunt die Richterin. Frau W. sollte sich um die Büroverwaltung kümmern. „Ich habe in der Praxis jeden Tag gearbeitet, von morgens acht bis zwölf Uhr nachts“, versucht die elegante Dame zu erklären, warum ihr mehr Geld zugestanden hätte. Die Frau mit blond gesträhntem Haar im feinen grauen Tuch wettert: „Die Praxis war ein Chaosladen, die habe ich von unten nach oben aufgeräumt.“ Rund 500 000 Euro habe sie mit Rechnungen wieder hereingeholt. Den Kontakt zum Zahndoktor mit feiner Privatadresse unweit der Außenalster hatte sie über ihre Psychotherapeutin bekommen – der Zahnarzt ist nämlich deren Ehemann.

Den Arbeitsvertrag habe er blanko unterschrieben, sie habe sich das Gehalt selbst eingesetzt. Der Lohn ihrer Vorgängerin, rund 2500 Euro, war ihr zu wenig – sie schrieb sich 3648 Euro als ihr Gehalt in den Vertrag. „Ich hatte schon 20 Jahre gearbeitet“, sagt sie dazu forsch. Die Richterin: „Und da haben Sie nicht mal ernsthaft nachgefragt? Dabei weiß doch eigentlich jeder, dass der Arbeitgeber das Gehalt bestimmt, nicht der Arbeitnehmer.“

Dann setzte Marion W. auf Überweisungsträgern der Praxis, mit denen Firmenrechnungen bezahlt werden sollten, ihre Kontonummer ein – und die ihrer Tochter. Der Arzt, der sich auf Frau W. verließ, unterschrieb. Einmal ließ sich die Angeklagte Bargeld von einem Patienten für eine Zahnbehandlung bringen: rund 15 000 Euro – 4100 Euro davon behielt sie für sich.

Langsam kommt ihr die Einsicht: „Was ich gemacht habe, war eine Kurzschlusshandlung, schlimm.“ Es sei auch ein Racheakt gewesen, denn: „Er hat mich immer runtergemacht“, jammert sie – was der Arzt später indes dementiert. Er habe ihr eine Chance geben wollen, sagt er als Zeuge. „Ich war dankbar, dass wir jemanden aus dem Bekanntenkreis hatten.“ Er habe ihr wohl etwas zu sorglos vertraut. „Es tut mir leid, ich möchte mich entschuldigen“, sagt die Angeklagte. „Das hilft mir nicht“, sagt der Arzt. „Aber ich habe meinen Seelenfrieden gefunden.“ Da freut sich die Richterin: „Das ist ja schon was.“ Das Urteil: ein Jahr und sieben Monate Haft auf Bewährung wegen Betruges und Untreue.

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