Ein Zahnarzt kämpft gegen einen Rechtsanwalt.

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In diesem «Wettkampf» gibt es hier in London keine Medaillen. Aber es geht um viel mehr als sportliche Heldentaten. Es geht um die Macht im olympischen Milliarden-Business. Um das Amt des IOC-Präsidenten.
Der Zahnarzt und ehemalige Hockeyschiedsrichter Dr. René Fasel aus Fribourg arbeitet heute hauptberuflich als Sportpolitiker. Er steht in der internationalen Sportwelt weit, sehr weit oben: Präsident des internationalen Hockeyverbandes, Mitglied des IOC mit Sitz im 15-köpfigen Exekutiv-Komitee und Präsident der olympischen Wintersportarten. Er hat in der internationalen Sportwelt die besseren Beziehungen und so viel Macht wie FIFA-Sonnenkönig Sepp Blatter. Aber weniger Kohle.Höhepunkt der Intrigenspiele

Ende der 1970er-Jahre hat ein Schiedsrichterinspizient boshaft notiert: «Er leitet das Spiel wie ein kleiner Napoléon auf seinem Feldherrenhügel.» Nun reift die Chance für den «Hockey-Napoléon» den Weltsport vom Feldherrenhügel aus zu leiten. IOC-Präsident Jacques Rogge (70) wird 2013 nicht mehr kandidieren. Am 6. Juni 2013 läuft die Anmeldefrist für eine Kandidatur ab. Im September 2013 wird beim IOC-Kongress in Buenos Aires der Nachfolger von Rogge gewählt.

Bis zum Wahltag dauert es also noch mehr als ein Jahr – doch das grosse Intrigenspiel hat begonnen und erreicht jetzt während der Spiele in London einen ersten Höhepunkt. Hier in London kümmert sich Fasel um den zahnärztlichen Dienst – da kann eigentlich nichts schiefgehen und er hat genug Zeit für den Wahlkampf.

Fasel hält sich bedeckt, aber der Entscheid ist klar

Wird René Fasel überhaupt antreten? Er hält sich bedeckt, mag sich zum Thema gar nicht äussern. Doch jene, die ihn kennen, wissen: Er wird antreten. Aber seine Kandidatur fürs höchste Sport-Funktionärsamt der Welt wohl erst im letzten Moment verkünden.

Es ist bei solchen Wahlen ein wenig wie beim 100-Meter-Sprint. Ein Frühstart kann quasi zur Disqualifikation führen: Wer zu früh seine Karten aufdeckt, läuft ins Leere und gibt seinen Gegnern viel Zeit zur Demontage. Mit grösstem Wohlgefallen verfolgt Fasel das emsige Treiben von IOC-Vize Dr. jur. Thomas Bach (58). Der Rechtsanwalt, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und ehemalige Fecht-Olympiasieger will das hohe Amt unbedingt und lässt es die Welt wissen. Nach dem ersten deutschen Papst auch noch ein IOC-Boss aus Deutschland – welch ein Triumph.

Rogge lobt deutschen Kandidaten

Amtsinhaber Jacques Rogge lobt den Deutschen bei jeder Gelegenheit und sagt, Bach wäre der geeignete Nachfolger. So viel Lob zu einem so frühen Zeitpunkt kann die Wahlchancen schmälern.

Gewiss, der Pragmatiker Bach geht berechnender und zielstrebiger vor als der impulsive Fasel. Aber er hat auch sein Sündenregister: In die Kritik geriet der smarte Doktor der Rechtswissenschaften wegen eines Beratervertrages mit der Firma Siemens (400 000 Euro Honorar plus 5000 Euro Spesen pro Tag).

Fasel mit Charme und Charisma

Der Schweizer hat dafür den Stallgeruch der kläglich gescheiterten Hockey-Champions-League in den Kleidern. Doch im grossen IOC-Wahltheater ist ein gescheiterter europäischer Hockey-Klubwettbewerb eine lässliche Sünde. Inzwischen zeigt sich: Sie spielt gar keine Rolle mehr. Der Schweizer hat nämlich Eigenschaften, die seinem Intimfeind aus Deutschland weitgehend fehlen: Charme und Charisma.

René Fasel war für die Winterspiele von 2010 in Vancouver verantwortlich. Und es hat alles tipptopp funktioniert. Obwohl er es offiziell vehement dementiert und nicht einmal sagt, für welchen Bewerber er seine Stimme abgegeben hat: Er spielte bei der Vergabe der Spiele von 2014 nach Sotschy eine wichtige Rolle.

Werden die Schweizer loyal sein?

René Fasel hat viele Freunde in der weiten Welt des Sportes. Nicht nur in Russland. Aber keine absolut verlässliche Freunde in der Schweiz: Seine Wahlchancen hängen zu einem schönen Teil auch davon ab, ob es ihm gelingt, sich die Gefolgschaft der vier weiteren IOC-Mitglieder im eigenen Land zu sichern. Werden Sepp Sepp Blatter (Fussball) Gian-Franco Kasper (Ski), Denis Oswald (Rudern) und Patrick Baumann (Basketball) ihr Beziehungsnetz für Fasels Wahl aktivieren? Sind sie loyal?

Insider sagen, dass es nicht alle sind. Skigeneral Kasper neide Fasel die Präsidentschaft der olympischen Wintersportarten. Und was ist, wenn Denis Oswald selber mit einer Kandidatur liebäugelt? Es wird nicht nur ein Wahlkampf zwischen dem Rechtsanwalt aus Deutschland und dem Zahnarzt aus der Schweiz. So oder so werden neben Bach und Fasel drei bis vier weitere Kandidaten erwartet.

Shakespeare schreibt keine Stücke mehr. Macht nichts. Der IOC-Wahlkrimi ist ebenso spannend.

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