Zahnarzt im Ruhestand behandelte sechs Wochen lang ehrenamtlich Patienten in der Volta-Region

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Kleinheubach Ein Doktor speziell für die Gesundheit im Mund? Dass es Zahnärzte gibt, war vielen Bewohnern der kleinen Stadt Dodi Papase im westafrikanischen Ghana lange nicht bekannt. Das ist jetzt anders: Sechs Wochen lang hat der Kleinheubacher John Adderson den Menschen dort buchstäblich auf den Zahn gefühlt.

Von Anfang September bis Mitte Oktober war der Mediziner im Ruhestand für das Hilfsprojekt »German Rotary Volunteer Doctors« im Norden der Volta-Region zwischen dem Voltasee und der Grenze zu Togo unterwegs. Die Vereinigung mit Sitz in Dortmund schickt Ärzte in die ganze Welt, um entwicklungsarmen Bevölkerungsschichten eine medizinische Grundversorgung zu gewährleisten.
In dem abgelegenen und waldreichen Gebiet ohne nennenswerte Infrastruktur schaute der 73-jährige Adderson seinen afrikanischen Patienten unentgeltlich in die Münder, brachte Zähne in Ordnung und griff auch das eine oder andere Mal zur Zange.
439 Kontrollen in zwei Tagen
Keine ganz leichte Aufgabe für den Zahnmediziner, trotz mehrerer Jahrzehnte Praxiserfahrung. Gleich in der ersten Woche in Ghana stieß John Adderson an seine körperlichen Grenzen: In der brütenden Hitze kontrollierte er zwei Tage hintereinander insgesamt 439 Kindermünder: »Das war wirklich mitten im Busch, rundherum alles grün, kein Schatten, die Patienten saßen auf einem Plastikstuhl«, erinnert er sich, »und ich stand in der prallen Sonne und schwitzte wie verrückt«. Auch die hohe Luftfeuchtigkeit machte ihm bei der Freiluft-Behandlung zu schaffen.
Anders ging es zu in der vor knapp einem Jahr errichteten Zahnstation im Mary Theresa Hospital: Das Hospital beherbergt Abteilungen wie Chirurgie, Gynäkologie, Innere Medizin und Pädiatrie; darüber hinaus gibt es eine kleine Augenstation und die – klimatisierte – Zahnstation. Hier kam der Kleinheubacher weniger ins Schwitzen, allerdings war auch im Krankenhaus das Arbeiten anders als in Deutschland.
Der ehrenamtliche Helfer war dabei weitgehend auf sich alleine gestellt. Schwierige Fälle konnte er nicht an Spezialisten überweisen – in dieser Region gibt es keine. Immerhin standen dem 73-Jährigen eine Helferin und ein Helfer zur Seite, beides ausgebildete Kräfte.
Auf sich alleine gestellt
Ein großes Problem stelle die Wartung der medizinischen Geräte dar, erklärt der Zahnmediziner. Hierfür gibt es kaum Fachleute, daher ist die Ausstattung recht einfach gehalten. Auch die Behandlungswerkzeuge und Füllungsmaterialien entsprechen höchstens einer guten Grundversorgung, größere Operationen lassen sich mit den vorhandenen Gerätschaften nicht ausführen, erklärt Adderson. Und trotzdem haben die Bewohner der Volta-Region gute Zähne – und das, obwohl die meisten von ihnen noch nie eine Zahnbürste in der Hand gehalten haben. Sie reinigen ihre Zähne mit einem einfachen Holzstücken, dessen Ende durch Kauen zerfasert wird und so wie eine Zahnbürste wirkt.
Karies extrem selten
»Die Menschen haben überwiegend naturgesunde Gebisse bin ins hohe Alter, Karies oder zerstörte Zähne sind extrem selten«, fiel dem Zahnarzt im Ruhestand auf. Probleme gibt es eher mit Zahnstein, nicht ausgefallenen Milchzähnen oder Zahnfehlstellungen. Aufgefallen sind ihm die festen Kieferknochen seiner Patienten – ein Problem, wenn es ums Zähneziehen geht: Oft musste er die Zahnwurzeln herausfräsen.
Der Andrang auf die Zahnstation des Hospitals in Dodi Papase war überschaubar, berichtet John Adderson: Zum einen hatte es sich noch nicht sehr herumgesprochen, dass im Krankenhaus ein Zahnarzt Patienten behandelt. Zum anderen sind die Menschen nicht zimperlich. Ein einfaches Loch im Zahn ist für die Dodi Papaser noch lange kein Grund, zum Zahnarzt zu gehen. Nur wer starke Schmerzen hatte, kam zur Zahnstation.
Anders sah es aus in der Ambulanz des Krankenhauses, erinnert sich der Ehrenamtliche: Der Wartesaal war jeden Tag voll, bis zu 160 Frauen, Kinder und Männer harrten geduldig darauf, von dem einzigen anwesenden Arzt versorgt zu werden. So ging Adderson manchmal in den Wartesaal und holte sich wartende Patienten in seinen Behandlungsraum. »Die haben ja Zeit und saßen oft stundenlang, wenn nicht sogar den ganzen Tag, dort.«
Hühner im Wartesaal
Dass immer wieder auch Hühner durch den Wartesaal liefen, war für den Kleinheubacher zunächst befremdlich. Dennoch kam er mit der Situation für die persönliche Hygiene gut zurecht, auch wenn es im Busch fast keinen Wasseranschluss gibt und die meisten Menschen auf dem Lehmboden schlafen.
Er selbst habe die sechs Wochen gut überstanden – ohne Magen-Darm-Erkrankung, Moskitostiche oder sonstigen typischen Probleme europäischer Besucher Westafrikas. Am Wochenende nutzte er Ausflüge, um sich die Umgebung näher anzuschauen.
Die öffentliche Hygiene hingegen empfand er als katastrophal: »Die Müllentsorgung findet auf der Straße statt, überall liegen leere Plastiktrinkbeutel herum das Einkaufen im Supermarkt war eine ›Augen-zu-und-durch-Mission.‹«
Dafür besitzen viele Menschen ein Handy. Die Haushälterin von Addersons Unterkunft musste oft fünf, sechs Handys gleichzeitig aufladen, weil längst nicht jeder Haushalt der 6000-Einwohner-Stadt ans Stromnetz angeschlossen ist. Auch im Krankenhaus gab es Schwierigkeiten mit der Elektrizität: »Oftmals war während der Behandlung einfach der Strom weg, dann musste ich warten, oft minuten- sogar stundenlang, bis der wieder da war«. Die Bedingungen waren nicht ganz einfach, Verständnisschwierigkeiten gab es auch einige Male, meist übersetzten die Assistenten. Die Ghanaer sprechen zwar Englisch, allerdings mit starkem Akzent.
Dennoch machte es dem Kleinheubacher Arzt großen Spaß, dort zu arbeiten: »Die Menschen sind unheimlich freundlich, lachen immer und sind trotz ihrer Armut höchst zufrieden und auch dankbar, ich würde es jederzeit wieder tun«.

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