HIV-positiv – und trotzdem Chirurg

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Infiziertes medizinisches Personal darf nun alle Tätigkeiten, auch größere chirurgische Eingriffe, ausführen. Die Aids-Hilfe begrüßte den Vorstoß, wies aber zugleich darauf hin, dass nicht HIV, sondern die allgemein als Krankenhaus-Keime bezeichneten Erreger das eigentliche Problem in Kliniken sind.

Seit dem Beginn der Aids-Epidemie im Jahr 1981 haben sich fast 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Nur neun von ihnen haben sich nachweislich bei einem HIV-positiven Arzt oder einer HIV-positiven Krankenschwester angesteckt. Insgesamt wurden vier Fälle dokumentiert: In Florida übertrug ein Zahnarzt das Virus gleich an sechs seiner Patienten; in Paris infizierte ein Orthopäde eine Frau bei einer langen Operation; ebenfalls in Paris soll eine Krankenschwester den Erreger auf eine Patientin übertragen haben (der Fall konnte nie genau geklärt werden); in Spanien steckte ein Gynäkologe eine Frau bei der Entbindung ihres Kindes an. In den letzten drei Fällen wussten Schwester und Ärzte nichts von ihrer Infektion. Seit 2003 gab es keinen nachgewiesenen Fall mehr, und in Deutschland überhaupt noch keinen einzigen.

Trotzdem werden HIV-positive Beschäftige auch im deutschen Gesundheitswesen bis heute diskriminiert und oft von ihrer Arbeit ausgeschlossen, wie die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) berichtet. Sie kennt „zahlreiche Fälle von HIV-positiven Medizinstudenten, die im Praktischen Jahr ihre chirurgische Zeit nicht absolvieren konnten. Krankenpflegekräfte durften, als ihre Ansteckung bekannt wurde, nicht mehr Patienten versorgen.“

Chirurg zu HIV-Test gezwungen

Im vergangenen Jahr hatte ein Chirurg anonym im „Deutschen Ärzteblatt“ davon berichtet, wie man ihn als angehenden Oberarzt in einer städtischen Klinik zu einem HIV-Test zwang, obwohl das rechtswidrig ist und sowohl gegen das Antidiskriminierungsgesetz als auch gegen das Frageverbot bezüglich HIV verstößt, das ausdrücklich auch für Berufe im Gesundheitswesen gilt. Dem seit kurzem HIV-positiven Mediziner wurde zugleich unmissverständlich dargelegt, „dass bei Verweigerung des Tests der Arbeitsvertrag nicht zustande käme oder der bereits unterschriebene Arbeitsvertrag vom Arbeitgeber innerhalb der ersten sechs Monate ohne Angabe von Gründen gekündigt werde“. Wie viele Mediziner in Deutschland mit dem Aids-Erreger infiziert sind, ist unbekannt. Da allerdings jeder neunte Beschäftigte im Gesundheitswesen arbeitet, schätzt die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) und die Gesellschaft für Virologie (GfV), dass etwa 5300 dieser 4,7 Millionen HIV-positiv sind.

Schon bislang war eine Übertragung im Krankenhausalltag so gut wie unmöglich. Seit wenigen Jahren weiß man, dass HIV-Infizierte, die regelmäßig ihre Medikamente einnehmen und damit die Viruslast in ihrem Blut unter die Nachweisgrenze bringen, nicht mehr ansteckend sind. Auf diese Erkenntnis haben nun DVV und GfV reagiert und neue Empfehlungen herausgegeben, die primär dem Patientenschutz dienen, aber auch die beruflichen Interessen der HIV-positiven Beschäftigten berücksichtigen. Demnach sehen sie für alle Tätigkeiten außerhalb des chirurgischen beziehungsweise invasiven Spektrums (etwa Herzkatheteruntersuchungen) keine Einschränkungen – und das unabhängig von der Viruslast. Bei einer Viruslast unter 51 Viruskopien pro Milliliter Blut (was durch eine Aidstherapie erreicht wird) können alle Tätigkeiten, auch größere chirurgische Eingriffe, ausgeführt werden, wenn bei invasiven und operativen Tätigkeiten doppelte Handschuhe getragen werden. Liegt die Viruslast darüber, dürfen verletzungsträchtige operative Eingriffe nicht mehr ausgeübt werden. Alle anderen Operationen, bei denen der Arzt kein höheres Risiko hat, sich selbst zu verletzen, sind davon ausgenommen.

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Die Aids-Hilfe begrüßt die Empfehlungen als Anfang vom Ende der Diskriminierung HIV-positiver Beschäftigter, kritisiert aber auch, dass sie sich noch immer an alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen richten und nicht nur an den kleinen Kreis operativ oder invasiv tätiger Mediziner. Zugleich weist sie darauf hin, dass nicht HIV, sondern die allgemein als Krankenhaus-Keime bezeichneten Erreger das eigentliche Problem in Kliniken sind. Mit ihnen infizieren sich jährlich drei Millionen Menschen in Europa. 50000 sterben an den Keimen, die oft auf Hygienefehler zurückgehen.

Quelle: F.A.Z.

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