Zahnarzt mit verhängnisvollem Drang zu Frauen, Pleiten und Abenteuern

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Bücher, in denen auf der ersten Seite jemand mit dem Seil um den Hals am Dachsparren hängt, nehmen doch ziemlich selten ein gutes Ende. „Die Unermesslichkeit“, der erste Roman von David Vann, der mit seiner Erzählsammlung „Legend of a Suicide“ weltweit und mit seiner daraus im vergangenen Jahr veröffentlichten Novelle „Im Schatten des Vaters“ bei uns berühmt wurde, ist so ein Buch. Das Leben an sich nimmt – wenn man ehrlich ist – überhaupt selten ein gutes Ende. Jedenfalls wenn es sich in Alaska und in den Büchern von David Vann abspielt. Das hat möglicherweise ursächlich damit zu tun, dass der Erzähler, der 1966 auf Adak Island/Alaska zur Welt kam, von Mord und Selbstmord umstellt war zeit seines Lebens, wie sonst kaum ein mehr oder weniger bekannter Schriftsteller.

Er war kaum zehn zum Beispiel, da griff sein Vater, ein Zahnarzt mit verhängnisvollem Drang zu Frauen, Pleiten und Abenteuern, in den alaskischen Wäldern, für die er eigentlich nicht geschaffen war, zur Pistole und zum Telefonhörer. Er rief Davids Stiefmutter an, die er betrogen und verlassen hatte, wie er Davids Mutter betrogen und verlassen hatte. Dass er ohne sie nicht leben könne, sagte er noch, dann drückte er ab.

Irene war zehn, erzählt sie auf der ersten Seite der „Unermesslichkeit“ ihrer Tochter Rhoda, da kam sie eines Tages heim von der Schule. Und ihre Mutter hing da. „Entschuldigung“, sagte die kleine Irene. Dann schloss sie sanft die Tür. Seitdem versucht sie sich zu erinnern. Wer ihre Mutter war. Wer ihr Vater war, der sie verlassen hatte. Sie sieht nur Schemen. Und hat Angst. Eine Angst, die auch David Vann jahrelang gelähmt hatte. Die Angst, das Leben des Vaters noch einmal zu leben.

Letztes Reservat der Männlichkeit

Der Shilak Lake ist jadegrün am Morgen nach Irenes Erinnerung an die hängende Mutter. Ein frischer Wind geht. Die Gipfel des Mount Redoubt und des Mount Iliamna sind schneebetüpfelt. Gletscher, Felsen, See. Draußen, weiter weg vom urzeitlichen Ufer, liegt Caribou Island. Da hat Gary ein Grundstück gekauft. Gary ist Irenes Mann. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, sie war Kindergärtnerin. Jetzt sind sie Mitte 50, er hat nichts zu tun, sie ist pensioniert. Mit ihm ist sie vor 30 Jahren hier hoch in das letzte Reservat der Männlichkeit, das letzte Reservat des Pioniergeists, des amerikanischen Traums, an die letzte Grenze gezogen. Jetzt will Gary hinausziehen auf die Insel, wo nichts ist, was zivilisiert wäre. Eine Hütte bauen. Das ist sein Projekt, die Erfüllung eines Traums vom Leben in der Natur, in der großen Stille, die Alaska ist.

Oder sein soll. Fast ein literarisches Projekt, Gary war Mediävist in Berkeley, bis er vor der drohenden Erfolglosigkeit in ein erfolgloses Leben, in das flüchtete, was es Alaska gerade noch gibt – die Wildnis. Ein uraltes Verlangen treibt ihn um. Hier regt es sich noch einmal, ein vielleicht letztes Mal. „Das Verlangen zu wissen, was die Welt anrichten kann, zu sehen, was man aushält, und schließlich, während es einen zerreißt, zu sehen, woraus man gemacht ist.“ Es wird überwiegend aus weiblicher Sicht gespiegelt, und wo es das nicht wird, desavouiert es sich selbst mit großer Bravour.

Irene verlangt es nicht nach Auslöschung, nach Zerreißen. Sie will das alles nicht, die Hütte nicht, die Kälte, die Natur, das Exil nicht. Sie kann damit nichts anfangen. Und jetzt sind sie spät dran. Für alles. Für ihre Ehe, für ihr Leben, für die Hütte. Gary hat – wie immer – einen Traum, aber von nichts eine Ahnung, keinen Plan, keine Erfahrung, keine Genehmigung. Die Hütte wird ein Desaster. Das weiß Irene, als sie zum ersten Mal mit viel zu unegalen, viel zu dünnen, viel zu vielen Baumstämmen im Boot zur Insel übersetzen. Irene sagt aber nichts. Da kann sie ihn hinterher, wenn es schief geht, besser bestrafen.

„Die Unermesslichkeit“ ist unter anderem auch die grandiose Mikroskopie einer Ehe sowie mehrerer Beziehungen in unterschiedlichen Aggregatzuständen der Zerrüttung. Die Ehe, steht da mal und das ist noch fast das Netteste, was über sie gesagt wird, war eine andere Form des Alleinseins. Gary und Irene zerfleischen und umarmen sich, fühlen sich vom jeweils anderen ins Zwangskorsett einer Ehe genommen, dass sie kleiner gemacht hat, als sie waren. Gary verbiestert zusehends, Irene bekommt rasende Kopfschmerzen, für die sich keine Ursache findet. Rhoda sieht ihnen zu, verzweifelt, sieht das Leben mit Jim, dem Zahnarzt, den sie liebt und der nichts im Kopf hat als Unentschiedenheit, Begehren und Sex mit anderen Frauen (im „Schatten des Vaters“ findet er ein ziemlich blutiges Ende aus dem Fundus von Vanns Autobiografie), sieht ihre Eltern vorausgehen in den Untergang und kann nicht anders, als ihnen nachzuleben.

Leben mit dem Schmerz

Vann hat aus der Tradition amerikanischer Großerzähler in der Hochdruckkammer seines eigenen Schmerzes einen Diamanten höchst eigener Art gepresst. In dem alles klar ist und alles karg und kalt und konsequent. Garys Hütte, die klein ist und hutzelig, die ein Witz ist, ein trauriger, wird nicht fertig werden. Es wird Tote geben auf Caribou Island. Und Alaska wird es egal sein. Alaska ist alles egal. Alaska – der See, die Bäume, die Irene und Rhoda und Gary und den anderen, deren Lebenslinien David Vann ausspinnt und mit großer Unerbittlichkeit verknäult, manchmal wie Vagabunden, manchmal wie Wachtposten am Ufer erscheinen, die Felsen, Vulkane, der Schnee, der Wind, der Regen – das ist bei Vann kein Echo von etwas Höherem, da gibt es keine Bedeutung, keine Metaphysik, keine Romantik, keinen Gott. Die Natur ist eine gleichmütige, geduldige Leinwand für das Unbewusste, ein Spiegel, ein Widerbild. „Die Felsen eine Art Zeichen für alles, was wahr ist auf der Welt“, denkt Irene einmal. „In Lagen und Streifen, erkennbar, geordnet, aber im Grunde sämtlich bedeutungslos. Unter Druck geformt über Millionen oder Milliarden von Jahren, nach oben gewuchtet, gebogen, geschoben, alles umsonst. Die Felsen waren das, was sie waren. Nichts erwartete sie, und sie waren nicht Teil einer Geschichte.“

Langsam lässt Vann sein Unwetter aufziehen. Dann bricht es in einem Rausch über die Beteiligten herein. Während Rhoda noch von Hawaii träumt. Von einer Hochzeit im weißen Strand. Mit glücklichen Eltern. Und dass sie anlandet an einem Tag, von dem sie immer geträumt hat, an einem sorglosen Ort. „Ein Anfang, endlich.“ Da hätte sie sich einen anderen Roman aussuchen müssen.

David Vann Die Unermesslichkeit. A. d. Engl. v. Miriam Mandelkow. Suhrkamp, Berlin. 351 Seiten, 22,95 Euro

Eine Antwort to “Zahnarzt mit verhängnisvollem Drang zu Frauen, Pleiten und Abenteuern”

  1. Miriam Mandelkow Says:

    Kleine Ergänzung: Diese Rezension stammt von Elmar Krekeler und ist erschienen in der Berliner Morgenpost vom 18.5.2012

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