nachts in die Praxis schmuggelt

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Als Vater Minh Tuong an den Zähnen behandelt werden muss, schmuggelt ihn der Zahnarzt des Städtchens nachts in die Praxis. Unterdessen verhandelt Renate Paul immer wieder mit dem Landrat. Sie erreicht, dass die Kinder weiterhin in die Schule gehen 

Familie Nguyens wunderbare Heimkehr: Freunde, Politiker und Kirche in Hoya haben so lange für die abgeschobenen Vietnamesen gekämpft, bis Innenminister Schünemann einknickte.

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Hoya. Sie fühlte sich wie eine Verräterin. In den Tagen vor der Abschiebung. Weil nur sie, Renate Paul, ganz allein wusste, dass in der Nacht vom 7. auf den 8. November 2011 die Polizei klingeln würde. Und innerhalb von 30 Minuten eine glückliche Familie für immer auseinandergerissen werden sollte. Am Abend zuvor hatte Thi Sang, 45, noch einen Kuchen gebacken. Weil ihr Kleiner Geburtstag hatte und alles so sein sollte wie immer. Im Wohnzimmer standen schon die Geschenke. Alles war vorbereitet für die Feier. Im Arbeitszimmer standen die Koffer. Alles war vorbereitet für den Abschied. Für den Fall, dass ausgerechnet in dieser Nacht die Polizei vor der Tür stehen sollte. Sie kam, nachts um drei.

Renate Paul wird diesen Moment nie vergessen können, als die Polizisten Vater Minh Tuong, seine Frau Thi Sang, Tochter Esther, 9, und den kleinen André, 6, aufforderten, sich von ihrer ältesten Tochter und großen Schwester Ngoc Lan zu verabschieden. Und von ihrer Heimat Hoya, einer kleinen Grafschaft im Herzen von Niedersachsen, in der die vietnamesische Familie seit 19 Jahren zu Hause ist. Sie ist das Paradebeispiel für gelungene Integration. Sie sprechen alle Deutsch, gehen hier zur Schule, haben einen festen Arbeitsplatz und gute Freunde. Sie sind ganz selbstverständlich mit einbezogen.

Sie gehörten dazu und lebten doch ein Leben auf Abruf. Die Familie hatte keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Irgendwann, das war klar, würde die Abschiebung kommen.

Der erste Bescheid kommt im August 2006. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem Renate Paul in das Leben der Nguyens tritt. Und mit ihr eine Reihe ganz unterschiedlicher Menschen, die sich für die Familie einsetzen wollen. Frau Paul ist Vorsitzende des Kirchenvorstands Hoya. Als sie erfährt, dass die Familie abgeschoben werden soll, nimmt sie Kontakt auf. Sie sagt: „Unsere Kirche steht Ihnen offen.“ Mehr sagt sie nicht. Mehr darf sie nicht sagen.

Minh Tuong ist 26 Jahre alt, als er 1992 beschließt, seine Heimatstadt Hanoi zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Er ist gesund und voller Hoffnung auf ein besseres Leben. Er verabschiedet sich von Ehefrau Thi Sang, von der gemeinsamen Tochter Ngoc Lan, die gerade ein Jahr alt ist. „Ihr kommt bald nach“, verspricht er ihnen. „Sobald ich Arbeit habe und euch ein besseres Leben bieten kann.“ Ein Leben ohne ständigen Hunger, weit weg von den Fußböden aus Lehm und den schäbigen Hütten, durch deren Dächer der Regen auf die Betten tropft. Bei der Ankunft in Deutschland macht der junge Mann einen entscheidenden Fehler. Er meldet sich bei den Behörden unter falschem Namen an. „Weil ich illegal eingereist war, dachte ich, auf diese Weise meine Familie zu schützen.“

Diese Familie schützen, das wollen auch Monika Finkbeiner und Walter Schmidt von dem Moment an, als sie die Nguyens das erste Mal sehen. Das war im August 2006, auf einer Kirchenbank in der Von-Staffhorst-Straße 7. Sie saßen dort, Mutter Tin Sang mit ihrem einjährigen Sohn André auf dem Schoß, daneben Tochter Esther, die drei Jahre alt war, Vater Minh Tuong und Tochter Ngoc Lan, die damals 14 Jahre alt war. Menschen, die bis vor wenigen Tagen in einer kleinen Wohnung in der Stadt zu Hause waren. Und die jetzt für Monate in der Kirche Asyl suchten.

Das Leben der Nguyens ist ein Leben auf der Flucht. Ein Hangeln von Duldungsgenehmigung zu Duldungsgenehmigung. In der Gemeinschaft der Stadt, in den Herzen der Menschen sind sie längst angekommen. Aber auf dem Papier bleiben sie Fremde.

Mit dem Kirchenasyl beginnt der Kampf. Mensch und Menschlichkeit kontra Rechtsstaat und Gesetz. Die Bürger von Hoya gegen die Behördenbeschlüsse. Monika Finkbeiner, Walter Schmidt, Renate Paul, Maria Schmoll, Lutz Bieder, Angela Schumacher, Hilli Seidler, Ira Maier, Anne Sophie Wasner und Pastor Andreas Ruh gegen Innenminister Uwe Schünemann (CDU) und seine harte Ausländerpolitik. „Wir hatten nur ein Ziel: Diese Familie muss bleiben“, sagt Maria Schmoll. Die ehemalige Grünen-Abgeordnete im Samtgemeinderat hatte über Renate Paul von der Familie im Kirchenasyl erfahren. „Ich bin mit Hausschuhen da rüber – und von da an geblieben.“ Geblieben, um zu helfen. „Einer brachte Matratzen, einer Klamotten; Walter Schmidt stellte seine Campingregale zur Verfügung. Stühle, Tische, Spielsachen, Herdplatten und ein Kühlschrank wurden angeschleppt. „Wir haben sogar Teppiche ausgelegt, um es in der Kirche gemütlicher zu machen“, erinnert sich Monika Finkbeiner. Immer ist einer von ihnen da, um zuzuhören, zu trösten, Mut zu machen. Als Dank kürzt Thi Sang Hosen und stopft Kleidung, sie bügelt die Wäsche der Helfer, und manchmal kochen sie alle gemeinsam in der Kirche. Die Familie darf den geschützten Raum nicht verlassen. Als Vater Minh Tuong an den Zähnen behandelt werden muss, schmuggelt ihn der Zahnarzt des Städtchens nachts in die Praxis.

Unterdessen verhandelt Renate Paul immer wieder mit dem Landrat. Sie erreicht, dass die Kinder weiterhin in die Schule gehen können. Ngoc Lan sammelt in ihrer Klasse Unterschriften für ein Bleiberecht. Immer mehr Bürger in Hoya stellen sich hinter die Familie. Schließlich landet der Fall in der Härtefallkommission. Diese kann zu einem Bleiberecht verhelfen, wenn die Vollziehung der Ausreisepflicht menschlich oder moralisch unerträglich wäre. Die Chancen stehen gut. Doch für Innenminister Uwe Schünemann ist die Abschiebung beschlossene Sache.

Die Unterstützer der Familie Nguyen sind von nun an immer in Habtachtstellung. „Wir konnten nicht für 14 Tage planen“, sagt Maria Schmoll. „Es hätte ja jederzeit ein Abschiebebescheid kommen können.“ Als im Sommer 2011 das Verwaltungsgericht den Antrag auf Bleiberecht ablehnt, wissen die Helfer, dass es keine Perspektive mehr gibt. „Da haben wir entschieden, dass wir dafür sorgen müssen, dass es den Nguyens in Vietnam so gut wie möglich geht“, sagt Renate Paul. Immer mehr Menschen erklären sich bereit, monatlich Geld auf ein Konto zu überweisen. Und zwar dauerhaft. Minh Tuong, Thi Sang, Esther und André wissen, dass sie Deutschland verlassen müssen. Ngoc Lan darf bleiben. Sie ist 19 Jahre alt, hat einen Schulabschluss und gute Perspektiven in Deutschland. Am 28. Oktober 2011 kommt der Bescheid. Innerhalb von vier Wochen soll die Familie abgeschoben werden.

Das Warten beginnt. Es ist unerträglich. Für alle. Am Abend sitzen sie zusammen am großen Küchentisch in der Wohnung der Familie. Jedes Mal, wenn die Helfer, die längst Freunde geworden sind, gehen, wissen sie nicht, ob sie die Familie am nächsten Morgen wiedersehen. Renate Paul weiß mehr.

Sie schläft schlecht. Fühlt sich wie eine Verräterin. Den Menschen, denen sie am meisten vertraut, kann sie sich nicht anvertrauen. Sie weiß, wann die Polizei klingeln wird. Sie hat gebeten, dabei sein zu dürfen, wenn die Familie auseinandergerissen wird.

Die Männer kommen nachts. „Weil es keiner sehen sollte“, sagt Renate Paul. Die Kinder ziehen ihre warmen Jacken an. Sie nehmen ihre Koffer. Minh Tuong weint leise. „Mein Vater weinte nach innen“, sagt Ngoc Lan. „Und ich habe geschrien.“ Renate Paul begleitet die Familie bis zur Haustür. Dann bleibt sie mit der ältesten Tochter zurück. Ganz langsam entfernen sich die Fahrzeuge. Kaum eine halbe Stunde hat die Abholung gedauert.

Um sechs klingelt bei Monika Finkbeiner das Telefon. Für die 73-Jährige bricht eine Welt zusammen. Wenige Stunden später versammeln sich rund 30 Menschen in der Kirche. Sie nehmen auf den hölzernen Bänken Platz, auf denen fünfeinhalb Jahre zuvor ihr Kampf für ein Bleiberecht begonnen hatte. Viele sind fassungslos. Pastor Ruh sagt an diesem Morgen, was viele denken: „Besonders bitter stößt den Unterstützern der Familie das gnadenlose Durchgreifen des niedersächsischen Innenministeriums auf. Einerseits an dem Geburtstag des jüngsten Kindes der Nguyens, andererseits vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Das erinnert mich an die Zeiten, in denen auch mitten in der Nacht Kinder aus den Betten gerissen und abgeholt wurden.“

Die Abschiebung der Familie schockt nicht nur die 3794 Einwohner von Hoya, sondern ein ganzes Land. Der Fall macht bundesweit Schlagzeilen. Fernsehteams und Zeitungen berichten. Innenminister Uwe Schünemann gerät durch die wachsende Kritik an seiner Flüchtlingspolitik immer mehr unter Druck. In einem TV-Interview äußert er erstmalig, dass die Familie aus humanitären Gründen zurückkehren könne, und bittet Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), eine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen. Am 15. November bittet Schünemann die deutsche Botschaft in Hanoi, der Familie Nguyen ein Visum auszustellen.

Renate Paul hat sie längst alle auf ihrer Seite. Opposition, Kirchen, Flüchtlingsinitiativen. Sogar Teile der niedersächsischen CDU-Basis und viele CDU-Parlamentarier protestieren. Vom Büro des CDU-Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig, in dessen Wahlkreis Hoya liegt, nimmt sie Kontakt zur Deutschen Botschaft Hanoi auf. „Ich habe versucht, von hier aus Druck zu machen.“ Es vergehen Wochen, es vergehen Monate. Ngoc Lan packt Weihnachtsgeschenke, stellt den Tannenbaum auf. Sie hofft, dass sie vor Weihnachten ihre Eltern und Geschwister wieder in die Arme schließen kann. Schließlich sind es 83 Tage, die Ngoc Lan Nguyen allein ist.

Am 1. Februar um 10.55 Uhr landen die Nguyens auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen. Die Freunde und Unterstützer aus Hoya, die für die Rückkehr unermüdlich gekämpft haben, sind alle gekommen. Sie haben extra einen Bus gemietet. Walter Schmidt hat seine Angeltasche gepackt. Darin steckt ein großes Plakat. Auf der Vorderseite steht: Herzlich willkommen in eurer deutschen Heimat! Und hinten: Endlich zurück in Hoya, endlich zurück auseurem „Zwangsurlaub“!

Renate Paul ist sich sicher, dass die Familie nun in Deutschland bleiben darf. Dass endlich, nach 19 Jahren Ungewissheit, Ruhe einkehren könnte. „Jetzt bekommen sie erst mal eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Und dann wird es irgendeinen dauerhaften Status geben, der da heißt: deutsche Staatsbürgerschaft oder dauerhaftes Bleiberecht.“

Im Arbeitszimmer stehen die Koffer. Thi Sang hat es noch nicht geschafft, sie auszupacken. Sie kann noch nicht realisieren, dass alles vorbei sein soll. Sie geht in die Küche und kocht einen Kaffee. Auf der Packung steht „Trunk Nguyen“. Sie hat ihn mitgebracht, als Erinnerung an Vietnam.

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