Wenn Pflegebedürftigen der Zahn schmerzt

by

Mobilere Mediziner, Schwerpunktpraxen und Prophylaxe-Helfer: Die Zahnärzte denken über die älter werdende Gesellschaft nach.  Deutschland altert, die Zahl der Pflegebedürftigen wird in den nächsten Jahrzehnten zunehmen. Nicht nur Allgemeinärzte grübeln darüber, was auf die Patientenversorgung zukommen wird. Auch die Zahnärzte fragen sich das.

Die zahnmedizinische Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung ist heute darauf abgestimmt, dass Versicherte zur Vorsorge selbst die Zähne putzen können – und dass sie mobil sind, also zur Behandlung in die Zahnarztpraxis kommen können. Der Zahnarzt braucht schließlich mehr als etwa der Allgemeinmediziner eine aufwendige Ausstattung: den Behandlungsstuhl, Licht, um in den Mund sehen zu können, seine technischen Geräte.

Doch verstärkt werden in Zukunft gebrechliche oder demente Menschen die Zahnarztpraxen nicht mehr selbständig aufsuchen können, oder sie bekommen sogar ihre Zahnpflege nicht mehr alleine hin. Es werden mehr Senioren Hilfe bei der Zahnpflege und bei der Prophylaxe brauchen – daheim oder in Heimen.

Erfreulich ist immerhin: Die Senioren von heute und morgen besitzen mehr natürliche Zähne als die früherer Generationen. Die Folge ist jedoch, dass ältere Menschen häufiger Karies an freiliegenden Zahnwurzeln oder Parodontitis haben. Ein guter Zustand der Zähne ist jedoch wichtig für einen generellen guten Gesundheitszustand, sagen die Zahnärzte: Wird die Mundpflege vernachlässigt, gebe es mehr Infektionsprobleme, sagt Andreas Schulte von der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Uni Heidelberg.

Werbung

Schon heute fehlen in Altenheimen oft Behandlungszimmer, in denen Zahnärzte Pflegebedürftige professionell behandeln können. Sie in Zahnarztpraxen zu fahren, ist wiederum teuer. Häufig werden Mundgesundheitsprobleme in der Pflege so lange ignoriert, bis in Notfallbehandlungen Zähne entfernt werden müssen, heißt es in einem gemeinsamen Konzept von Zahnarztverbänden zur vertragszahnärztlichen Versorgung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen.

„Wir brauchen eine Veränderungsdebatte – zusammen mit Zahnmedizinern, Pflegekräften, Angehörigen und älteren Patienten“, sagt Karl-Heinz Sundmacher, Bundesvorsitzender des Freien Verbands deutscher Zahnärzte bei einer Veranstaltung in Berlin. Er fordert, dass die Praxen sich verstärkt darauf einstellen, mehr ältere Menschen zu behandeln, die auch mit Rollstühlen oder per Krankentransport in die Praxen kommen – die Zeit der kleinen Praxisräume sei deshalb vorbei. Er fordert mobile Versorgungsteams und auch Schwerpunktpraxen für Pflegebedürftige und Behinderte. Auch ambulante Pflegedienste müssten in die Zahnprophylaxe einbezogen werden, fordern Sundmachers Kollegen – und Hausärzte müssten für das Thema sensibilisiert werden. Möglich wären auch Prophylaxehelfer in Pflegeheimen, die sich um Mundhygiene kümmern. Alterszahnhygiene müsse auch bei der Aus- und Fortbildung stärker thematisiert werden.

Für viele Zahnarztwünsche fehlt das Geld.

Zahnärzte werden in Zukunft mobiler werden müssen, um ältere Patienten verstärkt aufzusuchen. Doch dabei geht es natürlich auch ums Geld – Heimbesuche sind zeitaufwändig und teuer. Zum 1. Januar dieses Jahres gibt es ein neues Versorgungsstrukturgesetz. Darin gibt es eine extrabudgetäre Leistung für Ärzte und auch Zahnärzte, die Patienten zu Hause besuchen: Zusätzlich zum bereits bestehenden Wegegeld gibt es einen neu geschaffenen Gebührenposten, der den Aufwand der Ärzte ausgleichen soll. „Dadurch wird das Aufsuchen pflegebedürftiger und behinderter Menschen zu Hause und in den Pflegeeinrichtungen gefördert“, sagt die pflegepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Christine Aschenberg-Dugnus. Sie verlangt, dass Zahnärzte und Pflegeeinrichtungen stärker miteinander kooperieren sollen. Die Voraussetzung dafür sei, dass Pflegeheime mit den Kassenzahnärztlichen Vereinigungen Kooperationsverträge schlössen. Häufig hätten Pflegeheime leider Probleme, Zahnärzte zu finden, die ihre Bewohner betreuen.

Viele Pflegebedürftige und auch Behinderte haben nicht das Geld, um sich eine professionelle Zahnreinigung (die die Krankenversicherung ja nicht bezahlt), leisten zu können. Sie sollten einen Anspruch auf besondere präventive zahnmedizinische Leistungen ihrer Krankenkasse haben, wenn sie zur Mundhygiene nicht in der Lage sind, fordern Zahnärzte. Auch die Caritas schlägt vor, die Gesetzeslage so zu verändern, dass Versicherte, die wegen einer dauerhaften Behinderung oder Pflegebedürftigkeit es nicht schaffen, sich selbst um Kariesvorsorge und regelmäßige Mundpflege zu kümmern, einmal in jedem Kalenderhalbjahr zur zahnärztlichen Prophylaxe gehen können. FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus versteht diese Wünsche, sagt aber: „Nicht alles, was wünschenswert ist, ist finanziell machbar.“

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: