Haftinsasse muss sich Zahn selber ziehen

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Es klingt wie ein surrealer Albtraum: Man wird verhaftet, ohne Prozess eingesperrt, erhält trotz Krankheit keine medizinische Behandlung, und vegetiert zwei Jahre lang in Einzelhaft dahin. Stephen Slevin wurde dieses schockierende Schicksal zuteil. Nun wurden dem 58-jährigen US-Amerikaner 22 Millionen Dollar Schmerzensgeld zugesprochen. An seinen posttraumatischen Störungen ändert das aber nichts.

Slevins persönliches Drama beginnt im Mai 2005, als er im US-Staat New Mexico wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen wird. Ohne einen Anwalt oder Richter gesehen zu haben, landet er im Dona-Ana-County-Gefängnis. Er leidet an Depressionen und bräuchte dringend Medikamente, doch das interessiert dort im Knast niemanden. Weil man ihn für suizidgefährdet hält, sperrt man ihn drei Tage lang in eine Art Gummizelle. Dann wird Slevin in Einzelhaft verlegt. In einer 1,8 mal 3,3 Meter großen Zelle vegetiert er vor sich hin, nicht einmal die tägliche Stunde Hofgang wird ihm gewährt.

„Täglich kamen die Wärter vorbei und sahen, wie es mir schlechter und schlechter ging“, erzählt Slevin nach seiner Freilassung. Duschen durfte er nicht, seine Fußnägel wickelten sich um seine Zehen, so lang waren sie schon. Wegen Mangelernährung verlor er stark an Gewicht, es kam zu Pilzerkrankungen. Doch der Höhepunkt kommt noch: Trotz starker Schmerzen durfte Slevin keinen Zahnarzt sehen. Schließlich zog er ihn sich selbst. „Er hat über acht Stunden an ihm herumgewackelt, bis er in der Lage war, ihn selbst zu ziehen“, erklärt sein Anwalt Matthew Coyte gegenüber CNN.

Im Mai 2007 schließlich kommt Slevin wieder frei. Er sieht aus wie Robinson Crusoe und leidet unter posttraumatischen Störungen. Nun, fast fünf Jahre später, spricht ein Bundesrichter aus Santa Fe ihm 22 Millionen Dollar an Schmerzensgeld zu. „Mir geht es nicht um das Geld, sondern darum, dass Gefangene endlich human behandelt werden“, sagt Slevin nach der Verhandlung. Denn das Dona-Ana-County-Gefängnis sei kein Einzelfall, meint er abschließend, „das passiert überall im Land.“

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