Kairo: Zahnarzt als Symbolfigur für Widerstand

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„Es ist besser mit erhobenem Kopf blind zu sein, als sehen zu können und immer nur auf den Boden zu schauen“. Mit diesen Worten wird auf den ägyptischen Internet-Foren, auf Facebook und Twitter der neue Held des Aufstandes gegen die Militärführung, der junge Zahnarzt Ahmad Harara, zitiert. Im Jänner hatte er durch Gummigeschosse der Polizei Mubaraks sein erstes Auge verloren, nun wurde sein zweites verletzt und seit Montagmittag ist bestätigt, dass Ahmad nie wieder sehen wird. Für die Jugendlichen ist er ein Symbol, wie wenig sich die Zeiten auf Seiten des Staates geändert haben und wie trotzig sie den Sicherheitskräften begegnen. Es sind die Beamten des Kairoer Leichenhauses, die die Lage um den Tahrir-Platz in Zahlen fassen. Bis Montagmittag hatten sie 35 Tote gezählt.

Dies kostete die Übergangsregierung von Premier Essam Scharaf nun das Amt: Sie reichte, wie Montagabend bekanntgegeben wurde, beim obersten Militärrat den Rücktritt ein, der seit dem Sturz von Diktator Hosni Mubarak im Februar die höchste Instanz ist. Offen blieb jedoch, ob der Militärrat den Rücktritt akzeptieren wird. Ein Militärsprecher sagte der regierungsnahen Nachrichtenwebsite „Al-Ahram Online“, der Rat habe noch keine Entscheidung gefällt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf Militärquellen, die Generäle wollten erst einen neuen Premierminister suchen.

Tausende harrten auf Tahrir-Platz aus

Auch nach dem Rücktrittsangebot der Übergangsregierung harrten in der Nacht auf Dienstag wieder tausende Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz aus und forderten die Ablösung von Militärratschef, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi. Im Verlauf des Tags waren wieder zehntausende Menschen zum Tahrir-Platz geströmt. In der Seitenstraße Richtung Innenministerium tobte eine seit fast 50 Stunden dauernde Straßenschlacht.

Völlig unklar ist, was mit der in einer Woche angesetzten Parlamentswahl geschehen soll. Einige Kandidaten und Parteien haben ihren Wahlkampf vorläufig eingestellt. Ziad Musa vom Al-Ahram-Zentrum für Strategische Studien, der selbst für die neue Sozialdemokratische Partei Ägyptens kandidiert, glaubt, dass der Militärrat, die Wahl unter allen Umständen durchführen wird, weil er zeigen möchte, dass er Herr der Lage ist. „In Wahrheit sind Wahlen unter diesen Umständen aber ein hohes politisches Risiko“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“.

Wählern ist Sicherheit und Stabilität wichtig

In einer Umfrage des Al-Ahram-Zentrums für Strategische Studien wurde bei 2400 Befragten in 22 Provinzen des Landes das Meinungsklima erhoben. Sicherheit und Stabilität ist für 36 Prozent das wichtigste Thema. Ein Viertel gibt Inflation und steigende Preise als wichtigstes Problem an.

Laut der Umfrage wollen fast 36 Prozent die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbruderschaft wählen. (Im Vormonat waren es noch 40 Prozent). Immerhin fast neun Prozent wollen den radikalen Islamisten, den Salafisten ihre Stimme geben. Stärkstes Gegengewicht zu den Islamisten würde laut der Studie die traditionelle liberale al-Wafd-Partei mit 26 Prozent. Keine der seit dem Sturz Mubaraks neu gegründeten Parteien kommt über fünf Prozent.

Damit wird deutlich, dass die Ägypter sich den altbekannten Parteien und Gruppierungen zuwenden, und skeptisch gegenüber der neu formierten politischen Landschaft sind. Interessant ist auch ihr Vertrauen in staatliche Institutionen. 86 Prozent der Befragten bewerteten den Militärrat vor den neuesten Auseinandersetzungen als positiv. 62 Prozent sagten das gleiche vom nun zurückgetretenen Kabinett Essam Scharafs.

Saudiarabien als Modell

Immerhin 42 Prozent bewerteten den Polizeiapparat positiv. Überraschend ist auch, dass 42 Prozent der Befragten Saudiarabien als Modell sehen. Die USA bekamen wie China nur zehn Prozent, die Türkei neun. Frankreich schnitt mit fünf Prozent als bestes europäisches Land ab. Unklar ist, ob Saudiarabien als politisches Modell oder nur als Land der Heiligen Stätten so positiv abgeschnitten hat. Wenn es nach dem Militär geht, soll frühestens Ende 2012, vermutlich aber erst Anfang 2013 ein Präsident gewählt werden. Bis dahin würde der Militärrat die exekutive Macht in den Händen halten, selbst wenn die Ägypter wie geplant in einer Woche beginnen würden, ein Parlament zu wählen.

Warten auf Einlenken der Armee

Wie wenig sich in manchen Bereichen seit Mubarak geändert hat, zeigen die staatlichen Medien und ihre Hetze gegen die Tahrir-Aktivisten. Die Tageszeitung „Al-Ahram“ schlägt vor, wieder mehr junge Männer in die Armee einzuziehen, um ihnen „wahren Patriotismus beizubringen“ und sie gegen „zweifelhafte politische Gedanken zu wappnen“. Für die „gegenwärtige vorherrschende Anarchie, die dazu führt, dass der Staat zusammenbricht“, seien die Tahrir-Demonstranten verantwortlich, nicht der Herrscher der Übergangszeit.

Den Demonstranten und nicht dem Militärrat wird von den staatlichen Medien vorgeworfen, die Revolution an sich gerissen zu haben. „Al-Ahram“ ruft dazu auf, den Militärrat über alles zu stellen und keine Gnade zu zeigen, gegenüber allen, die die Sicherheit gefährden.

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