der Zahnarzt und die Vampir-Oper

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„Ich bekomme ein Gebiss mit zwei richtig schönen langen Beißern von unserem befreundeten Zahnarzt Dr. Lindauer“, erzählt der Titelhelddarsteller Michael Müller-Deeken alias Lord Ruthven. „Ob ich damit singen kann, ist eine andere Frage. Ich werde sie wohl nicht immer einsetzen.“ Lange Beißer sind für einen Vampir in Heinrich August Marschners romantischer Oper „Der Vampyr“ aus dem Jahr 1828 natürlich unverzichtbar. Als Wegbereiter zum Musikdrama Richard Wagners wird Marschners Werk in der Musikliteratur erwähnt, aufgeführt wird der Zweiakter nach einem Libretto von Wilhelm August Wohlbrück aber kaum:

Alles neu: Vom Regisseur bis zu den Zähnen

Die Kammeroper wagt sich an die romantische, sehr selten gespielte Blutsauger-Oper „Der Vampyr“ von Heinrich August Marschner

„Es gibt gute Gründe, warum sich das Werk nicht durchgesetzt hat“, findet der musikalische Leiter und Bearbeiter der Hamburger Neufassung, Fabian Dobler. „Die Oper ist eine Mischung aus großartigen, in die Zukunft weisenden Ideen und sehr vielen Inkonsequenzen. Als ich mich mit der Partitur beschäftigte, hatte ich immer den Eindruck, dass Marschner seinem eigenen Mut nicht traut.“ Dobler ist dennoch überzeugt, dass „Der Vampyr“ in einer reduzierten, für Kammerorchester eingerichteten und durch etliche ironische Elemente aufgefrischten Fassung am nächsten Premieren-Freitag ein Erfolg wird. „Es ist eine wunderbare Musik, streckenweise klingt sie wie Robert Schumann, von der Melodik aber geht sie auch in Wagners Richtung.“

Viel Raum zur Persiflage, wie sie einige Dracula-Adaptionen oder Roman Polanskis unvergessener Filmklassiker „Tanz der Vampire“ ja bieten, lässt Marschners Blutsauger-Oper nicht. Angeregt auch von E.T.A. Hoffmanns Gespenster- und Traumwelten-Literatur hatte der englische Schriftsteller John Polidori 1816 die erste Vampirerzählung der Weltliteratur ersonnen. Bram Stokers „Dracula“ erschien rund 80 Jahre später, und beide belletristischen Adaptionen hatten so gut wie nichts mit dem mittelalterlichen Schreckensfürsten Vlad Tepes Dracula aus Rumänien zu tun, der durch grausige Pfählungen auch seiner eigenen Untertanen unrühmlich in die Geschichte eingegangen war.

In Marschners Oper wird die literarische Vorlage Polidoris noch einmal den Bedürfnissen der Oper angepasst. Die Handlung setzt zu dem Zeitpunkt in Lord Ruthvens Leben ein, wo der Vampirmeister, sprich der Teufel, seinem irdischen Sein ein Ende bereiten will. Weil aber auch ein Dämon verführbar ist, lässt sich der Vampirmeister auf einen Pakt ein. Wenn es Lord Ruthven gelingen sollte, vor der nächsten Mitternacht drei junge Bräute zu finden und ihm zu überführen, soll Ruthvens Zeit verlängert werden. Klar, dass der Vampir dafür nicht nur seinen Verstand, sondern vor allem seine Zähne einsetzt.

„Ich hänge des Öfteren an der Kehle einer schönen Frau“, berichtet der Bariton Müller-Deeken lachend. „Gleich nach fünf Sekunden habe ich eine Puppe im Arm, die man hoffentlich als Mensch erkennen wird. Später beiße ich noch zweimal richtig zu. Bei den Proben hatten wir bislang eine Menge Spaß.“

Wenig Spaß hatte die Direktion der Hamburger Kammeroper hingegen am Regiekonzept Oswald Lipferts, dem man wegen allzu langweiliger Einfälle zwei Wochen vor der Premiere den Vertrag kündigte. Andreas Franz, der im Allee Theater schon Kindertheaterproduktionen inszenierte, sprang ein. „Das Bühnenbild ist, auch wenn es grob in einer Moorlandschaft angesiedelt ist, eher stilisiert und zeitlos“, sagt Franz. „Sicher trägt der Vampir auch einen schwarzen Mantel, aber es gibt immer mal wieder ein Augenzwinkern bei Verweisen auf die ganzen Vampirfilme bis hin zu Murnaus Stummfilmklassiker ,Nosferatu‘.“ Die in einer romantischen Oper dieser Zeit unverzichtbaren Chorpartien werden von den sechs Solisten ebenfalls übernommen. „Eine Szene in der Taverne zum Beispiel lasse ich außerhalb im Bistro spielen. Drei der Solisten stellen dann den Chor dar.“

In Doblers Mini-Orchester sind Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass, Flöte plus Piccolo, Horn und Akkordeon besetzt. Außerdem hat der Bearbeiter, wie er es bezeichnet, Änderungen in der Architektur des Originalwerkes vorgenommen. „An einigen Stellen habe ich auch Vokalisen im Orchester mit eingebaut, um Klänge zu bekommen, die überraschen.“ Neue Zähne, neuer Regisseur und neue Partitur – all das stellt die Kammeroper in der kurzen Probenzeit vor große Herausforderungen. „Ich kannte das Stück gar nicht“, gesteht der Regisseur Franz, „habe mich aber schnell reingefuchst. Es sind viele atmosphärische Dinge in dieser Oper, die an Webers ‚Freischütz‘ erinnern. Die Musik ist sehr handlungsbetont. Das ist großartig, weil ich sie in Bewegung umsetzen kann.“

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