wenn der Vorschuss für den Zahnarzt im Heroinnachschub aufgeht

by

Wie Chet Baker seinen Vorschuss für den Zahnarzt doch lieber in Heroinnachschub investierte, wie ein Portier Chet Baker einmal nicht zur eigenen Probe ließ, weil er ihn für einen Penner hielt: Von Erlebnissen mit dem großen Jazzer weiß Matthias Winckelmann, Chef des Plattenlabels Enja, unendlich viele Anekdoten zu berichten. Als Chet starb, entschied sich die Witwe auch, dass sein letztes Konzert nicht bei einem Majorlabel, sondern bei Winckelmann erscheinen sollte: bei Enja Records.

Enja Records, das kleine, in München ansässige Label ist im Jazz eine große Nummer. Die Plattenfirma aus München-Neuhausen, die ihren Sitz im trubeligen Viertel um den Rotkreuzplatz hat, gehört zu den wichtigsten Independent-Verlagen Europas und ist weltweit erfolgreich. Neben Baker haben auch andere legendäre Jazz-Musiker wie Charles Mingus bei den Münchnern veröffentlicht. Doch unter den rund 800 Produktionen, die seit 1971 im Hause Enja entstanden sind, finden sich auch viele, die die Genregrenzen sprengen. Wenn sich Winckelmann auf einen gemeinsamen Nenner der Produktionen festlegen müsste, dann, dass sie „rhythmisch treibend“ und „mit hohem improvisatorischen Anteil“ seien.

Vor 40 Jahren war Winckelmann „mit einem alten VW losgejuckelt“, mit einer Kiste voller Platten im Kofferraum, auf dem Weg zu Musikgeschäften in ganz Deutschland. Der heute 70-Jährige hatte gerade mit seinem neun Jahre älteren Kompagnon Horst Weber Enja gegründet. Der gebürtige Frankfurter Winckelmann studierte damals Volkswirtschaft und Soziologie in München, der Aachener Weber arbeitete als Modedesigner und veranstaltete ab und zu Konzerte. Ihre Begeisterung für den Jazz trieb sie, es mit einem eigenen Label zu versuchen. „Wir waren schon etwas naiv“, sagt Winckelmann heute.

Mit dem Pianisten Mal Waldron machten sie 1971 ihre erste Aufnahme im „Domicile“ in München, damals eine echte Jazz-Institution. Als Winckelmann und Weber anschließend bei der Bank um einen Kredit vorsprachen, sagte ihnen die Beraterin, dass sie ohne Sicherheiten – und die Tonträger mit der Waldron-Aufnahme seien selbstverständlich keine Sicherheit – keine 20 000 Mark für ihren Start ins Musikbusiness geliehen bekommen würden. Also pumpten sie sich das Geld privat und lernten in den folgenden Monaten schnell, worauf es ankam.

Sie erkannten schnell, dass ihnen dabei ein einprägsamer, weltweit gut klingender Firmenname helfen könnte. Als Winckelmann am Küchentisch über einen geeigneten Begriff nachdachte, stand deshalb zuerst das Akronym da: Enja. Erst später überlegte er sich, dass Enja für European New Jazz stehen sollte. „So richtig passte das zu Anfang nicht, wir haben damals schließlich nicht mit europäischer Avantgarde, sondern mit klassischem schwarzen Jazz aus den USA begonnen“, urteilt Winckelmann heute.

 

1986 trennten sich Winckelmann und Weber. Den gemeinsamen Katalog teilten sie sich auf, indem sie auswürfelten, wer zukünftig welche Künstler veröffentlichen dürfe. Den etablierten Namen behielten beide bei. Inzwischen hat sich Weber zurückgezogen und die Geschäfte an Werner Aldinger abgegeben, beide Enjas sitzen heute sogar wieder gemeinsam unter einem Dach.

Während sich Pop-Labels über sinkende Absätze wegen illegaler Downloads beklagen, hat Winckelmann mit einem anderen Problem zu kämpfen: „Als wir anfingen, gab es in Deutschland 2500 Fachgeschäfte für Jazz und Klassik“, erinnert er sich. Davon seien heute 25 übrig geblieben. Zwar sei das Publikum für Jazz stabil, doch der Kontakt zu den Musikinteressierten gestalte sich schwieriger. „In manchem Elektronikmarkt gibt es an Jazz und Klassik leider nur Louis Armstrong und Anna Netrebko zu kaufen“, ärgert sich Winckelmann.

Sieben Mitarbeiter hat die Firma. Da ist der Gründer froh, dass er Künstler wie den Libanesen Rabih Abou-Khalil unter Vertrag hat. Dessen Veröffentlichungen haben sich rund eine Million Mal verkauft und geben dem Label die Freiheit, auch mit schlechter verkäuflichen, speziellen Musikern zusammenzuarbeiten. Für die Zukunft setzt Winckelmann auf China. Letztes Jahr war er dort auf einer Promotiontour. Die Begeisterung der jungen chinesischen Intellektuellen bei den Konzerten der Enja-Musiker habe ihn an den Jazz-Enthusiasmus der Siebzigerjahre in Deutschland erinnert.

Den Optimismus hat sich Winckelmann seit Gründertagen bewahrt – und trotz aller Schwierigkeiten ist sein Resümee nach 40 Jahren positiv: „Wir haben nie Kompromisse eingehen müssen, sondern nur veröffentlicht, was wir musikalisch spannend finden. Und es macht immer noch Spaß: Ich würde es heute genauso wieder machen.“

Konzerte zum Geburtstag

Mit 13 Konzerten feiern Enja und der Münchner Jazzclub Unterfahrt das Jubiläum. Heute beginnt das Alexander von Hagke Quartett. Am 27. September folgt der Münchner Saxophonist Max Merseny, der sein Debütalbum präsentiert, jeweils 21 Uhr. Am 20. Oktober findet ein Konzertabend im Gasteig mit dem französisch-spanischen Solobassisten Renaud García-Fons und dem süditalienischen Bläserensemble La Banda statt, 20 Uhr. Zum Geburtstag gibt es beim Online-Händler Amazon einen Sampler mit Aufnahmen von Enja-Künstlern zum Gratis-Download. Mehr Infos unter http://www.enjarecords.com.

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: