Gasteinertal: Mit Zirbe, Charme und Moderne

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Die Zeit im Ort Bad Gastein steht lediglich scheinbar still. Warum Kühe auf Yoga praktizierende Wanderer reagieren, eine Koreanerin den lokalen Zahnarzt zeichnet und ein bestimmter Holzweg gut für das Herz ist.

Wie bringt man eine Kuh zum Staunen? Zuerst pflückt man – zur späteren Verwendung als entschlackender Tee – Baumbärte. Das ist jene gelb-grüne Flechte, der lamettaähnlich an den Ästen all jener Bäumen hängt, die sich bester Alpenluft erfreuen. Dann schließt man gemeinsam mit der Dorfgasteiner Kräuterpädagogin Bettina Rieser und der Yogalehrerin Anke Kranabetter die Augen und meditiert unter Anleitung.

Die dabei frei werdende Energie wirkt nicht nur bei Zweibeinern – eine gute Erklärung für die still stehenden Mäuler der nicht weit entfernten Kühe. Ihnen dürfte es das Wiederkauen verschlagen haben, so neugierig beobachten sie die Teilnehmer der Kräuter- und Yoga-Wanderung. Da muss Rieser, im Brotberuf Bäuerin und als solche Herrin über 35 Mutterkühe, schmunzeln: „Vielleicht gewöhnen sie sich daran, schließlich sind wir mit diesem Programm erst das zweite Jahr am Dorfgasteiner Fulseck unterwegs.“

Das Wetter war den beiden bisher nicht immer hold, die Sommerfrische machte ihrem Namen alle Ehre. „Praktisch, dass durch die Atem- und Energieübungen viel Wärme im Körperinneren entsteht“, so Kranabetter. Zur Erkältungsvorbeugung werden im Anschluss an die Wanderung von Berg- zu Mittelstation Brote und Tees mit den selbst gepflückten Kräutern genossen. Die Kühe haben sich wieder beruhigt und grasen vor sich hin. Wenn man erst einmal weiß, welch kostbares Futter sie von Mutter Natur auf den Sommeralmen vorgesetzt bekommen, wird man fast ein bisschen neidig.

Szenenwechsel: Zurück im Hotel Miramonte, ist man dann doch wieder froh, ein Mensch zu sein. In der dortigen Lounge Bar ist die Flora dank der blumigen Sitzbezüge (von Designerin Susanne Bisovksy) und der Aussicht auf die Bergkulisse Bad Gasteins ohnehin nicht weit weg. Da lässt es sich leicht nachvollziehen, warum der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx diesen Ort als „Hideaway“ bezeichnet: Ein Sechzigerjahre-Kasten, dem man sein Retroflair gelassen und den man mit ein paar geschickten Eingriffen modernisiert hat. Der neue Charme dieser laut Besitzer „eckigen Kisten“ aber sorgt dafür, dass junges, hippes Stadtvolk aus nah und fern in ein Tal kommt, das in der schneearmen Jahreszeit ob seiner heilenden Thermalquellen eher von einem älteren Publikum frequentiert wird.

 

Kunstwerke im Kraftwerk

Doch selbst in einem für seinen morbiden Charme bekannten Ort wie Bad Gastein steht die Zeit nur scheinbar still. Bestes Beispiel: das Wasserkraftwerk aus dem Jahr 1914. Hinter der denkmalgeschützten Fassade werkeln im Rahmen des Stipendiatenprogramms unter dem Titel „sommer.frische.kunst“ junge Kreative aus dem In- und Ausland. Die in Hamburg lebende Koreanerin Kyung-Hwa Choi-Ahoi ist eine von ihnen. „Ich male Tagebuch, schon seit 1991. Vor elf Jahren begann ich eine Art Enzyklopädie Personae, bei der ich Menschen einen Tag lang begleite und Skizzen von ihrem Leben anfertige. Im Anschluss hole ich mir von ihnen noch ein Kochrezept“, so die Künstlerin.

In Bad Gastein hat sie neben einem Zimmermädchen auch den örtlichen Zahnarzt begleitet. „Das wollte ich immer schon. Zum Glück hat er gleich eingewilligt. Eigentlich war ich ja wegen Zahnschmerzen bei ihm und nicht wegen meiner Arbeit.“ Choi-Ahoi und die anderen Künstler, die das Kraftwerk als Atelier nutzen und gratis in den kooperierenden Hotels wohnen können, standen anfänglich unter einem positiven Naturschock. „Der rauschende Wasserfall, die Berge – all das nimmtt einen wahnsinnigen Einfluss auf die hier entstehenden Werke“, so Andrea Goetz, Kuratorin der Reihe, die nächstes Jahr eine Fortsetzung findet.

Auch die aufstrebenden Künstler Henrik Eiben und Philipp Fürhofer waren so fleißig, dass sie gar keine Zeit hatten, wandern zu gehen. Zum Beispiel zur Eröffnung des Zirbenweges am Graukogel. Zwischen jeder Menge lebender Zirben stehen dort Zirbenbänke-, -aussichtsplattformen und –liegen. Im Angesicht der frosthärtesten Baumart der Alpen erfährt man vom Wanderführer, dass es wissenschaftlich erwiesen ist, dass der Schlaf im Zirbenholzbett dem Herz pro Tag 3500 Schläge erspart. Da schaut man glatt so blöd, pardon: erstaunt wie die Kühe am Fulseck und legt sich auf die nächste Zirbenliege.

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