Zum Zahnarzt nach Polen fürs halbe Geld

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Bei Tomasz Grotowski schwillt die Nackenmuskulatur an. An den Schläfen pulsieren die Adern, das Gesicht färbt sich rot. Die Kraft aus dem Schultergürtel überträgt sich über die Arme auf die latexgeschützten Hände. Mit äußerster körperlicher Anstrengung zieht der Doktor eine Schraube fest – im Mund von Waldemar Wisniewski. Der Mittvierziger stöhnt immer wieder auf. Sein Körper versteift sich bei jeder Drehung, um die der Zahnarzt das Implantat weiter in den Kieferknochen treibt. Wisniewski kneift die tränenden Augen zusammen, über seine Lippen sickert ein wenig Blut. Doch dann hat Grotowski sein Werk vollendet. Der Patient springt auf und atmet einmal tief durch. „Nicht schlimm“, sagt er. „Ich war nur etwas nervös.“

Darauf einen Wodka

Was sich in der kleinen polnischen Zahnarztpraxis in einem Außenbezirk von Stettin abspielt, kann selbst einem unbeteiligten Beobachter die Beine schwach werden lassen. Bikortikale minimalinvasive Schraubimplantation nennt Grotowski das Verfahren, von dessen Heilkraft er überzeugt ist. „Schauen Sie hier“, ruft er und fingert das Modell eines Kieferknochens aus den Tiefen einer Schublade. „Ich ziehe den Zahn und versenke diese Schraube anschließend im Knochen“, sagt er und hält das mehrere Zentimeter lange Metallungetüm in die Höhe, das er für Patienten wie Wisniewski bereitstellt. „Dann führe ich das Implantat durch das Mark und befestige es am gegenüberliegenden Knochenrand. Deswegen bikortikal – zwei Knochenrinden, verstehen Sie?“ Den Begriff „minimalinvasiv“, der das Prinzip der möglichst geringen Verletzung des Patienten bezeichnet, erklärt Grotowski gleich mit. „Das gelingt dadurch, dass ich die Schraube sofort in die noch offene Wunde einpflanze.“

Der Praxis des Dr. Grotowski fehlt jene Aura moderner High-Tech-Medizin, die vielen Menschen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Hier dagegen bewegt sich neben dem schmalen Behandlungsstuhl ruhig und souverän eine einzige ältere Assistentin. In einem winzigen Labor fertigt der Arzt den Zahnersatz selbst an. Der Raum hat den Charme eines Modellbaukellers. Möglicherweise hat Selfmademan Grotowski diese Kultur der Improvisation aus Sizilien mitgebracht, wo er ein Vierteljahrhundert lang studiert und gearbeitet hat. „Meine Tochter wollte schließlich zurück nach Stettin“, erklärt der Pole, der sich in Italien das Renommee eines Spezialisten auf dem Gebiet der Implantologie erworben hat. Und so täuscht der äußere Eindruck: Die Praxis des Dr. Grotowski hat einen ausgezeichneten Ruf und ist zugleich Schulungszentrum für polnische Zahnärzte. „Umso kleiner der Eingriff, desto besser die Körperreaktion“, erklärt der Arzt das einfache Geheimnis seiner Technik, die weltweit auf dem Vormarsch ist. Bei der sofortigen Implantation nach der Entfernung eines kranken Zahns können zwar Komplikationen durch Entzündungen entstehen. Doch die Vorteile des Verfahrens liegen auf der Hand. Es geht deutlich weniger Knochenmasse verloren als bei einer Spätimplantation. Und vor allem ist der Stress für den Patienten geringer. „Ich fahre heute Abend nach Hause“, erzählt Waldemar Wisniewski strahlend. Er ist aus dem zentralpolnischen Thorn nach Stettin angereist. „Und dann trinke ich einen Wodka auf meine neue Krone. Alles ist gut.“

Ein zweites Mal wird Wisniewski noch anreisen müssen, um das Provisorium gegen die echte Krone zu tauschen. Doch das ist nichts im Vergleich zu einer Spät implantation, die sich über Monate hinziehen kann. „Für meine Gäste aus Deutschland spielt der Zeitfaktor eine große Rolle“, erklärt Grotowski, dessen Praxis auch von der Grenznähe lebt. Bei jeder fünften Behandlung liegen Patienten aus dem Westen auf seinem Behandlungsstuhl. Deren Rechnung geht finanziell in jedem Fall auf, selbst wenn sie eine Nacht in einem Hotel verbringen oder zweimal anreisen müssen. Denn in der Bundesrepublik liegen die Kosten für ein Implantat meist zwischen 1400 und 2500 Euro. Kommt ein komplizierter Knochenaufbau hinzu, sind schnell 4000 Euro fällig. Grotowski bietet seinen Zahnersatz für 700 bis maximal 1000 Euro an. Deutsche Krankenkassen, die meist nur wenige hundert Euro erstatten, zahlen in Polen den gleichen Betrag wie im eigenen Land.

„Innerhalb der EU besteht beim Arztbesuch Wahlfreiheit“, erklärt Manuela Pohl vom Ersatzkassenverband VDEK das Prinzip. Und so ist es kein Wunder, dass in den vergangenen Jahren vor allem in grenznahen Gebieten polnische Zahnkliniken wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. „Im Umkreis von wenigen 100 Metern um unsere Klinik finden Sie fünf weitere Einrichtungen dieser Art“, sagt Katarzyna Jaswig, Managerin im Stettiner European Dental Center (EDC). Sieben Ärzte arbeiten dort, vier von ihnen sind auf Zahnersatz und Implantate-Medizin spezialisiert.

Vom Arzt an die Küste

„Wir arbeiten mit Hotels in der Umgebung zusammen, die uns Rabatte gewähren“, erklärt Jaswig. Wer nur auf den Preis schaut, findet mit Hilfe der Klinik ein Einzelzimmer für 17,50 Euro pro Nacht. Viele deutsche Patienten wollen jedoch mehr. „Sie verbinden die Behandlung mit einem Urlaub“, berichtet Jaswig. Das Stettiner Haff liegt vor der Haustür. Bis nach Swinemünde und in andere Ferienorte an der polnischen Ostseeküste sind es kaum 100 Kilometer.

Inzwischen hat sich die Region zwischen der Oder-Mündung und der Danziger Bucht zu einem Eldorado für Medizintouristen aus dem Westen entwickelt. Und doch bleibt bei manchen Patienten, die zur Zahnoperation nach Osten aufbrechen, ein Unbehagen – und das nicht ohne Grund, denn Fragen stelle sich in jedem Fall: Ist billig auch immer gut? Und was passiert, wenn etwas schief läuft? Katarzyna Jaswig beschwichtigt: „Wenn es sich um einen Fehler unsererseits handelt, kommen wir dafür selbstverständlich auf“, sagt sie. Aber derartige Fälle gebe es im Grunde nicht. Ärzteverbände und Verbraucherzentralen in Deutschland mahnen Patienten jedoch, sich darüber im Klaren zu sein, dass sie ihren Schadenersatzanspruch im Zweifelsfall vor einem polnischen Gericht durchsetzen müssen. Auch die Krankenkassen warnen. „Bei Behandlungen im Ausland können im Anschluss weitere Eingriffe nötig werden, die nicht ohne Weiteres in Deutschland möglich sind“, heißt es bei den Versicherern. Hinzu kommt die Sprachbarriere, die zum Problem werden kann. Tomasz Grotowski, der leidlich gut Deutsch spricht, lässt den Vorwurf, er betreibe Billigmedizin, nicht gelten. „Ich verwende nur erstklassiges Material aus Italien“, sagt er und kramt eine Kiste mit südeuropäischer Beschriftung aus einem Regal. Und schief gehe bei ihm schon gar nichts. „Das ist noch nicht vorgekommen“, sagt er und klopft dem noch immer etwas blassen Waldemar Wisniewski auf die Schulter.

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