Zahnarzt berichtet aus Syrien

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Fadi ist außer sich vor Verzweiflung; er schreit ins Telefon, seine Stimme überschlägt sich. „Wieso tut die internationale Gemeinschaft nichts, um uns zu helfen?“, ruft der Zahnarzt. „Hier in Deir Asur sterben die Menschen. Sie erschießen uns. Das Blut der Menschen ist auf der Straße – und die Welt schaut weg!“ In seiner Heimatstadt weit im Osten Syriens, hat die Armee ihre Angriffe auf die Zivilbevölkerung seit dem Wochenende drastisch ausgeweitet. Zu Beginn des Ramadan scheint das Regime entschlossen, die Protestbewegung mit einer groß angelegten, landesweiten Militäroffensive zu ersticken.

Rund 150 Menschen kamen landesweit seit Sonntag ums Leben, knapp 30 davon in Deir Asur. In dem Ort nahe der irakischen Grenze waren die Demonstrationen zuletzt deutlich angeschwollen. Dem Regime entglitt zunehmend die Kontrolle über diese Stadt, in der die meisten Ölvorräte Syriens liegen. Nun versucht die Armee mit aller Gewalt, Deir Asur zu unterwerfen.

Der Kritik der Syrer, die auf den Straßen jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen, hat der Westen wenig entgegen zu setzen. Auf Antrag Deutschlands befasste sich der UN-Sicherheitsrat mit der Situation. Doch für einen schon vor Wochen von Großbritannien, Frankreich, Portugal und Deutschland vorgelegten Resolutionstext gab es am Montagabend erneut keine Unterstützung. Allen Beteiligten ist klar, dass eine Resolution, die ein militärisches Vorgehen gegen das Assad-Regime ermöglicht, in der Region einen Flächenbrand auslösen könnte. „Bei Libyen hatten wir einen Beschluss der Afrikanischen Union und der Arabischen Liga – hier haben wir beides oder Vergleichbares nicht. Und hier haben wir eine Konfliktsituation, die das Potenzial einer sehr großen Ausweitung hat. Deshalb sollte man da sehr, sehr vorsichtig sein“ sagte Werner Hoyer (FDP), Staatsminister im Auswärtigen Amt.

Der UN-Sicherheitsrat sollte am Dienstagmorgen erneut zusammentreten. Bisher hatte vor allem Russland eine Resolution blockiert; Moskau fürchtet, dass sich wie im Fall Libyen auf UN-Grundlage eine neuerliche „Koalition der Willigen“ formen und eine Militärintervention beginnen könnte. Offenbar wächst jedoch auch bei den Pro-Assad-Fraktionen die Empörung angesichts der Brutalität, mit die Armee gegen das eigene Volk vorgeht. Möglicherweise läuft es nun auf einen Text hinaus, der die Gewalt verurteilt, aber keine wirklichen Auswirkungen für Damaskus hat. „Sollte dies ein Text sein, der für das syrische Volk nützlich ist, so werden wir flexibel sein“, sagte der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin in New York. Zugleich kritisierte er die Aufständischen: „In einer Situation, in der die Opposition zu Gewalt greift, ist es sehr schwer, Reformen durchzuführen.“

Auch die Europäische Union wird, von einigen verschärften Sanktionen, keine einschneidenden Maßnahmen treffen. Italien zitierte am Dienstag seinen Botschafter in Syrien nach Rom zurück. Als Grund wurde die „grausame Unterdrückung der Zivilbevölkerung“ genannt.

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