wenn der Zahnarzt zum Spieleentwickler mutiert

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Auf dem weißen Sofa in einem schicken Büroloft sitzen zwei Männer, knapp über 30. Schlau, smart und clever. Der eine ist promovierter Zahnarzt und Preisträger der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie, der andere promovierter Jurist mit Prädikatsexamen, Sieger der bundesweiten Mathe-Olympiade, Mitglied im Hochbegabten-Verein Mensa.

 Beim Betreten der Büroetage glaubt man versehentlich bei den ganz Großen wie McKinsey oder der Kanzlei Freshfields gelandet zu sein. Zum Büro der Brüder Christian und Kai Wawrzinek gehören nicht nur eine Dachterrasse, sondern auch ein Swimmingpool im Hof und ein hauseigenes Fitness-Studio. Aber dann ist da die große Comic-Figur aus einem Computerspiel an der Wand. Und: Die Brüder tragen T-Shirt, Jeans und Turnschuhe, nicht den obligatorischen schwarzen Anzug mit Krawatte. Keine Aufsteiger-Attitüden, keine Chefetage, kein Vorstandsbüro. Christian und Kai Wawrzinek sitzen lieber mit ihren Mitarbeitern von Goodgame Studios, einem Onlinespiele-Anbieter, zusammen im Großraumbüro.

Die Branche boomt. Auch ihre Firma. 2009 beschäftigten sie 20 Mitarbeiter, nach zwei Jahren schon 100, und heute ist das Unternehmen auf der Suche nach mindestens 150 neuen Mitarbeitern. Eigentlich müssten Bewerber das Unternehmen stürmen. Doch die Firma sucht vergeblich nach neuen Angestellten. So wie die gesamte Branche. Allein in Hamburg werden derzeit 500 neue Mitarbeiter im Online-Gaming-Bereich gesucht. Doch der Markt sei so gut wie abgegrast, sagen die Brüder. Es gebe zu wenig Nachwuchs. „Dabei suchen wir nicht nur Spezialisten mit viel Vorerfahrung, wie zum Beispiel in der Programmierung“, sagt Christian Wawrzinek. „Hier arbeiten auch Betriebswirte oder Mathematiker, die als Quereinsteiger zu uns kommen. Wichtig sind vor allem Intelligenz, unternehmerisches Denken und der Wille, etwas zu bewegen.“

In diesem Sinne haben die Brüder gehandelt. Wäre es nach dem Willen der Eltern gegangen, dann wäre der eine (Kai) heute Anwalt, würde vielleicht in einer Großkanzlei arbeiten, und der andere (Christian) als Kieferchirurg in einer eigenen Praxis. Doch die Brüder mit dem Vorzeige-Lebenslauf wollten einen anderen Weg gehen. Nach ihren Studienenabschlüssen in Kiel nahmen sie einen Kredit von 500 000 Euro auf, machten sich selbstständig. 2009 gründeten sie die Computerspielfirma Goodgame Studios.

Am Anfang war viel Überzeugungsarbeit nötig, als sie ihren Eltern von der Idee erzählten, ein Internet-Unternehmen zu gründen. Auch Freunde reagierten skeptisch. „Ich wurde gefragt, ob ich in einem Computerladen Tastaturen und Mäuse verkaufe“, sagt Christian Wawrzinek.

Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen spielen 70 Millionen Menschen im Monat Spiele wie „Poker“, „Mafia“ oder „Café“ von Goodgame Studios, auf dem Portal sind 34 Millionen Nutzer registriert. Die Freunde wissen inzwischen, was sie machen und auch die Eltern sind beruhigt. Das Unternehmen hat alleine im Jahr 2010 sieben neue Spiele herausgebracht. Diese wurden bereits in mehr als 20 Sprachen übersetzt und von Nutzern zwischen zwölf und 65 Jahren in 200 Ländern gespielt. Die Spiele sind kostenlos und werbefrei. Sie wurden als „Browsergame of the Year 2009“ und „Goldener Spatz 2010“ ausgezeichnet. Im Juli 2010 übernahm Goodgame den Spieleproduzent Spotsonfire GmbH mit der gesamten Belegschaft.

Ein gewisses Faible für Computerspiele hätten sie schon immer gehabt, sagen die Brüder. Bis sie Online-Gamer wurden, haben beide aber einige Umwege genommen. Denn mit einem Jura- und Zahnmedizin-Studium haben sie nicht unbedingt den klassischen Lebenslauf eines Gamers. „Gerade auf Branchentreffs merkt man schon einen Unterschied zu vielen anderen Gründern in diesem Bereich“, sagt Kai Wawrzinek. Viele hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht. „Wir kommen stärker aus der Schiene des Unternehmertums. Wir hatten das Interesse, ein Unternehmen im Internetbereich zu gründen und dabei interessante Inhalte zu bieten“, sagt er.

Heute sind sie froh, mit ihrem Studium einen Blick über den Tellerrand geworfen zu haben, bevor sie zu Unternehmern wurden. „Das hilft enorm, den Blick für das wesentliche Ganze zu behalten“, sagt Kai Wawrzinek. Gerade junge Internetfirmen würden sehr schnell wachsen. „Bei uns war das von Anfang an eher langsam, solide und kontinuierlich.“ Sie machten einen Plan, und setzten sich Ziele. „Hätten wir diese nicht einhalten können, wären wir halt wieder Zahnarzt und Jurist geworden“, sagt Kai Wawrzinek. Einen doppelten Boden zu haben, sei auch für die Zukunft ein beruhigendes Gefühl.

Dass sie beide nicht nur im gleichen Management-Team einer Firma sitzen, sondern auch aus der gleichen Familie kommen, finden die Wawrzinek-Brüder gut. „Blut ist dicker als Wasser“, sagt der eine. Der andere fügt hinzu: „Uns verbindet unheimlich viel, wir verstehen uns gut und das hilft auch im geschäftlichen Bereich.“ Der Jurist ist für den wirtschaftlichen, technischen Part zuständig, der Zahnarzt für den operativen, personellen und kreativen Bereich. „Beide Komponenten ergänzen sich gut“, sagt Christian Wawrzinek. Und weil der Chef wissen muss, wovon er redet, haben sich die beiden Autodidakten im Gaming auch so fit gemacht, dass ihnen so schnell keiner etwas vor macht. „Für einen Juristen habe ich schon relativ viel Technik-Know-How. Es reicht, um mehr als nur mitzureden“, sagt Kai Wawrzinek. Sein Bruder ergänzt: „Wir sagen nicht: So wird es gemacht, sondern erarbeiten gemeinsam Lösungen.“

Zusammenarbeit wie diese ermöglicht flache Hierarchien. Auch ein Bewerbungsgrund. Neben Frühstücksmüsli und Bratwurst und Bier zum Feierabend.

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