Jüdische Mediziner in Deutschland waren fachlich versiert und zudem liberal

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Ihre Patienten hielten ihnen trotz Verbots die Treue:

Jüdische Ärzte hatten in Deutschland schon immer eine besondere Stellung inne. Sie wurden geachtet und verehrt, aber auch diskriminiert und denunziert. Der soeben erschienene Forschungsbericht „Medizin und Nationalsozialismus“ der Bundesärztekammer weist darauf hin, dass die Mediziner zusammen mit den Juristen den höchsten Anteil emigrierender Akademiker stellten. Kein Beruf galt als so „verjudet“ wie die Medizin. Im Deutschen Reich betrug der Anteil jüdischer Ärzte seinerzeit 16 Prozent, bei gut einem Prozentanteil der Juden in der Bevölkerung.

In Wien stellten 1938 die Juden 65 Prozent der Ärzteschaft, in Berlin machten sie zeitweise ein Drittel der Ärzte aus. Der Mainzer Medizinhistoriker Friedrich Kümmel hat als einer der ersten die Geschichte der jüdischen Ärzte in Deutschland zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht. Erst unlängst zeigte er in einem Vortrag in Mainz, dass ihre Vertreibung durch die Nationalsozialisten der letzte und besonders unrühmliche Höhepunkt eines zwiespältigen Verhältnisses darstellte, das weit in die Geschichte zurückreicht.

Während sich indes Historiker früher meist auf die Ausgrenzungen der jüdischen Ärzte konzentrierten, bemühte sich Kümmel anhand jüngster Forschungsergebnisse darzutun, dass es im Alltag des ärztlichen Praktizierens immer auch ein unverkrampftes Miteinander von Juden und Christen gab. Es sei für einen Christen besser zu sterben, als bei jüdischen Ärzten Hilfe zu suchen, schrieb zwar vor mehr als 1500 Jahren der Bischof von Antiochia in Syrien. Und über Jahrhunderte hinweg verbot Rom – und später auch der Protestantismus – den Gläubigen stets aufs Neue, sich von Juden medizinisch behandeln oder Medikamente verabreichen zu lassen. Solche offiziellen Verbote wurden gleichwohl häufig unterlaufen, was sich nicht zuletzt aus den immer wieder neu erhobenen Mahnungen ablesen lässt. Wenn Juden, wie dies oft nach schweren Pestausbrüchen der Fall war, aus einer Stadt vertrieben wurden, machte man nicht selten für die Ärzte eine Ausnahme – gewissermaßen eine inoffizielle Anerkennung.

Die Wertschätzung ihres Könnens hatte verschiedene Gründe. Dass jüdischen Ärzten besonders umfangreiches Fachwissen zugeschrieben wurde, rührte nicht zuletzt daher, dass sie über die großen Lehrbücher in arabischer Sprache früher und leichter Zugang zu der antiken griechischen Medizin hatten als ihre christlichen Kollegen. Überdies waren jüdische Ärzte, etwa als Stadtarzt, mit geringerer Bezahlung zufrieden. Bei Klagen wegen zu hoher Honorarforderungen oder sonstiger Beschwerden stand zudem die gesamte jüdische Gemeinde für die Vergehen ihrer Mitglieder gerade. Jüdische Ärzte stellten Medikamente selbst her, wodurch die Kosten für den Apotheker entfielen. Da ihnen lange Zeit der Zugang zum Studium verwehrt war, schufen sie sich mehrere berufliche Standbeine, was ihnen zum Vorteil gereichte. So waren sie nicht nur konservativ, quasi internistisch tätig, sondern auch als Wundärzte und Chirurgen versiert. Das war für viele Patienten billiger und bequemer. Da die Lebensbereiche von Juden und Christen kaum überlappten, konnten die christlichen Patienten wohl auch offener über ihre Beschwerden sprechen, nicht zuletzt über heikle Themen. So wurden auch jüdische Hebammen vermutlich am ehesten dann von christlichen Frauen in Anspruch genommen, wenn es um uneheliche Geburten ging.

All dies lässt sich indirekt, wie Kümmel erläuterte, aus jenen Vorwürfen und offiziellen juristischen Beschwerdedokumenten erschließen, mit denen die christlichen Kollegen gegen die jüdischen Ärzte zu Felde zogen. Als Juden im 18. Jahrhundert schließlich auch an deutschen Universitäten zum Medizinstudium zugelassen wurden, öffnete dies der jüdischen Bevölkerung ein erstes Ventil zu akademischen Berufen. Insbesondere wegen des seit jeher hohen Ansehens, das der Arztberuf unter Juden genoss, kam es so zu einem regelrechten Ansturm auf das Medizinstudium und in der Folge zu dem überdurchschnittlich hohen Anteil der Juden in der Ärzteschaft.

Dabei strebten jüdische Ärzte besonders häufig eine Spezialisierung als Facharzt an. Sie engagierten sich zudem innerhalb jener liberalen Gruppierungen, die sich für Geburtenkontrolle, die Psychoanalyse und eine Abschaffung des Paragraphen 175 einsetzten. Das bot den antisemitischen Kollegen Nährboden für ihre Kritik: Sie fanden nicht nur, dass der Anteil der Juden unter den Ärzten zu hoch war. Sie warfen ihnen neben „Geschäftsgeist“ und „Gewinnsucht“ auch „die schamlose Entschleierung des Geschlechtslebens“ vor, und warnten besonders Frauen davor, männliche jüdische Ärzte aufzusuchen. Sie lehnten vor allem die ihrer Meinung nach rein materialistisch-mechanistische Auffassung der überdurchschnittlich oft naturwissenschaftlich-

experimentell ausgerichteten jüdischen Ärzte ab und reklamierten für sich eine natürliche Heilkunst, die noch den ganzen Menschen in den Blick nehme. Heute noch formulieren Verfechter der Naturheilkunde mitunter Argumente, die sie womöglich neu bedenken würden, wenn sie nur die nationalsozialistisch-ideologischen Wurzeln dieser Fachrichtung kennen würden. Seinerzeit ging die Verleumdung der spezialisierten jüdischen Ärzte so weit, dass man ihnen regelrecht unterstellte, deutsche Patienten zu Laborratten zu machen.

Das Vertrauen der Bevölkerung in jüdische Ärzte war dabei offenbar ungleich größer, als diese eifernde Diskriminierung vermuten lässt. Kümmel belegt mit Berichten von Zeitzeugen, dass die jüdischen Ärzte im Deutschen Reich in allen Schichten, von Arbeitern bis Bürgern, so hohes Ansehen genossen, dass es sogar zu einer Bevorzugung kam. Das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in Berlin war in der Zeit vor 1933 zeitweilig mit über 50 Prozent nichtjüdischen Patienten belegt. Manche hielten ihrem jüdischen Arzt auch in schwierigen Zeiten die Treue. Noch 1938 veröffentlichte das nationalsozialistische Hetzblatt „Der Stürmer“ lange Listen mit den Namen „Deutscher Frauen und Männer“, die deswegen angezeigt worden waren. Gleichwohl konnte der Mut Einzelner die Entrechtung und Vertreibung auf Dauer nicht aufhalten. Von den rund 8000 bis 9000 Ärzten, die unter die nationalsozialistischen Rassengesetze fielen, waren neun Zehntel in den Jahren bis 1938 von ihrem Beruf ausgeschlossen worden. Ihr Schicksal war Auswanderung, Flucht oder Deportation.

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