Was mit Schulpornos, Internatspornos, Zahnarzt- und Krankenhauspornos beginnt…

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 führt über Gefängnis- und Militärpornos zum Kriegs- und Folterporno. Dass sich in der Popkultur Israels in den sechziger Jahren ein florierendes Genre Ari Libskers so achtsamer wie aufschlussreicher Dokumentarfilm “Pornografie und Holocaust” ist auf DVD erschienen

Ein sehr merkwürdiges, aber grundlegendes Segment der  Pornografie entsteht aus der Sexualisierung von Situationen, Personen oder Institutionen, die Angst machen, die drohen, die mit Erinnerungen an Schmerz und Demütigung, sogar an Todesfurcht und Sterben verbunden sind. Was mit Schulpornos, Internatspornos, Zahnarzt- und Krankenhauspornos beginnt, führt über Gefängnis- und Militärpornos zum Kriegs- und Folterporno.

Dass sich in der Popkultur Israels in den sechziger Jahren ein florierendes Genre der Stalag-Erotik-Hefte entwickelte (Stalag als Kurzform von Stammlager), ist so eine Sache, über die sich schwerlich unbefangen sprechen lässt. Gemeint ist eine maskierte und gedämpfte Form der S/M-Pornografie vor dem Hintergrund von Naziterror, Stammlagern und SS. Noch schwerer tut man sich im Umgang mit den entsprechenden Bildern.

Am schrecklichsten scheinen die Erklärungen: Kinder von Holocaust-Überlebenden, die unfähig waren, über die Schrecken der Vergangenheit zu sprechen, suchten sich ein Ventil in den obszönen Fantasien von großbrüstigen deutschen SS-Weibern, die gefangene Soldaten, Widerstandskämpfer und andere Opfer quälten, bis denen die Befreiung gelang und sie mit gleicher Münze zurückzahlten. Unterwerfungs-, Erweckungs- und Rachefantasie in einem wiederkehrenden Bild, Rebellion gegen ein Schweigen und auch gegen ein codiertes Frauenbild.

Diesen widersprüchlichen Entwicklungen widmet sich ein Dokumentarfilm des israelischen Regisseurs Ari Libsker. Zentrale Figur ist Eli Keidar, der Pionier der Stalag-Pulps, der mit der Publikation von Stalag 13 im Jahr 1961 die Serie initiierte. Ganz typisch seine Erfahrungen: Seine Mutter war die einzige Überlebende ihrer Familie, alle anderen waren in den KZs umgekommen; nie hat sie darüber gesprochen, er wuchs in einer Atmosphäre der Beklemmung und der unausgesprochenen Empfindungen von Angst und Schuld auf. Hinzu kommt wohl die relative Unmöglichkeit für Menschen, in einer Gesellschaft heranzuwachsen, die sich einerseits durch das Opfer in der Vergangenheit und andererseits durch den bewaffneten Heroismus der (damaligen) Gegenwart definierte. Etwas fehlte dazwischen, und das hatte definitiv mit Körperlichkeit und Lust zu tun. Diese sexualisierte Pulpfiction wird nun durch Libskers Film als eine Form der »Therapie« verständlich. Damit klärt er nicht nur über einen lange unterschlagenen, beinahe vergessenen Teil der israelischen Kulturgeschichte auf, sondern beschreibt auch eine allgemeine Funktionsweise der populären Kultur, auch und gerade was ihre Schmuddelecken anbelangt. Dass so etwas wie die Stalags eine falsche Antwort auf ein wirkliches Problem sind, wird dabei nicht unterschlagen. Wie viele Leser mochten in den Stalags »Tatsachenberichte« gesehen haben und aus ihnen nicht nur erotische Fantasien, sondern auch ein Bild der beschwiegenen Geschichte entwickelt haben?

Libsker hat aus dem Thema einen Dokumentarfilm gemacht, wie man ihn sich wünscht: Ohne vorgefertigte Meinungen und Scheuklappen. Er nähert sich seinem Thema und den Menschen behutsam, vermittelt überraschende Einsichten und Verbindungen, er lässt den Dargestellten Zeit, ihre Geschichten und Ideen zu entfalten. Die Sache selbst verliert nichts von ihrer Widersprüchlichkeit, nichts von ihrer Fragwürdigkeit, nicht einmal etwas von ihrer Peinlichkeit. Und dennoch haben wir nach diesem Film etwas davon verstanden, wie eine Kultur sich selbst helfen will, auch mit gerade noch erlaubten Mitteln. Unnütz zu sagen, dass sie dabei mit den heilenden Kräften auch wiederum neues Gift freisetzt; so waren Stalags alles drei: Symptom, Therapie und neue kulturelle Erkrankung. Und gegen diese hilft nur eines: Aufklärung.

Die Pornografisierung der Naziherrschaft, der KZs und der Gestapo-Folter fand übrigens keineswegs nur in Israel statt. Seit den sechziger Jahren gab es dazu eine rege Produktion in den USA wie in Großbritannien, die die Ikonografie der Stalags bestimmte. In Italien entstanden ein knappes Jahrzehnt später die Sadiconazista-Comics und -Filme , französische Sexmagazine liebten nackte Frauen mit Hakenkreuzbinden und Reitpeitschen, Lateinamerika steuerte Hardcore-Nazipornos bei und so weiter. Nirgendwo empfand man diese populäre Schmuddelware als besonders erfreulich. Aber in keinem Land waren die moralische Entrüstung und, eben, das vollkommene Schweigegebot so groß wie in Deutschland. Dem Land der Täter.

Worum es Libsker am wenigsten geht, ist »Tabubruch« oder Provokation. Deshalb vielleicht hätte man sich bei der DVD-Publikation hierzulande ein wenig Behutsamkeit gewünscht. Es beginnt übrigens schon mit dem Titel: Was bei uns reißerisch als Pornografie und Holocaust angeboten wird, heißt im Original schlicht Stalags. Auch die Covergestaltung der DVD hätte man nicht unbedingt als Eins-zu-eins-Wiedergabe eines Stalag-Motivs gestalten müssen, das einen Sexploitation-Film erwarten lässt (prompt findet sich der Film in den DVD-Auslagen an der definitiv falschen Stelle). Und ein bisschen erhellendes Begleitmaterial könnte in so einem Fall auch nicht schaden: Wir wissen zu wenig über die israelische Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, als dass wir uns mit den eindrucksvollen Beweisen ihrer Fähigkeit zu Selbstkritik und Selbstaufklärung zufriedengeben sollten.

Text: Georg Seeßlen

Text erschienen in DIE ZEIT, 10.03.2011. # 11

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