Paul Bowles: von der Last, einen Zahnarzt als Vater zu haben

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Lust am Laster: Amerikanisches Universaltalent –er malte, komponierte und schrieb: Vor 100 Jahren wurde Paul Bowles geboren

Zu lachen hatte der junge Paul Bowles nichts. Sein Vater quälte ihn, wo es ging. Der autoritäre Zahnarzt zwang ihn, jeden Bissen nach einer absurden medizinischen Theorie vierzig Mal zu kauen, was das Essen zur Tortur machte. Benutzte der Knabe die linke Hand, so hagelte es Hiebe, um ihn so zum Gebrauch der rechten zu nötigen. Tagsüber musste der Kleine mucksmäuschenstill in seinem Zimmer sitzen, lesen durfte er lediglich abends. All diese Schikanen führten zu Hass zwischen dem Sohn und seinem Erzeuger.

Ein Tagträumer, ein futuristischer Künstler

Trotzdem mauserte sich Bowles zu einem Wunderkind. Bereits mit fünf entwarf er Geschichten und Romane. Aus Streichhölzern bastelte er Figuren, mit denen er seine Texte wie im Theater inszenierte. Mit Gleichaltrigen verband den Frühreifen nichts. Er kapselte sich ab, schwelgte in seinen Fantasien. In einem Vers charakterisierte er sich so: „Paul Bowles: Er ist / Ein Tagträumer; Er denkt Er sei / Ein Dichter; er wäre gern / Ein futuristischer Künstler Ist stets mit einem benommenen Gesichtsausdruck anzutreffen; Hobby / Literatur.“

Nach dem Abitur besuchte der am 30. Dezember 1910 in New York Geborene die Zeichenklasse der New Yorker Liberal Art School, doch die Kurse befriedigten ihn nicht: „Nach einiger Zeit begannen wir mit den Gipsabgüssen, um mit der Anatomie vertraut zu werden, und dann kamen die Modelle. Bis dahin hatte ich noch nie einen unbekleideten menschlichen Körper gesehen, und nach den ersten paar Wochen, in denen ich das Phänomen betrachtete, hatte ich kein Verlangen, je wieder einen zu sehen.“ Bowles löste sich von der Malerei und reiste nach Paris, wo er Aufnahme im Salon der Schriftstellerin Gertrude Stein fand: „Sie war massiv, monolithisch. Wie eine große Skulptur. Sehr liebenswürdig, sehr intelligent. Und sie hatte eine wunderbare Stimme. Ich hatte großen Respekt vor ihr.“

Die Förderin las Bowles’ Lyrik, vermochte sich aber nicht dafür zu erwärmen. Stattdessen riet sie ihm, sich auf begonnene Kompositionsversuche zu konzentrieren. Binnen weniger Jahre wurde er zu einem der gefragtesten amerikanischen Tonsetzer. Er schrieb Kammeropern, Lieder und Instrumentalwerken, vor allem aber Bühnen-, Ballett- und Filmmusiken. Außerdem erwarb er sich einen Ruf als Ethnologe, der eifrig die Folklore Nordafrikas archivierte und auswertete.

Als Mittelpunkt seiner Existenz sah Bowles das marokkanische Tanger: „Wie jeder Romantiker hatte ich stets vage vermutet, dass ich eines Tages an einen magischen Ort kommen würde, der mir durch die Offenbarung seiner Geheimnisse Weisheit und Ekstase schenken würde. Und jetzt, als ich im Wind stand und die Berge vor mir betrachtete, spürte ich das Summen eines Motors in meinem Inneren, und es war, als näherte ich mich der Lösung eines bisher nicht geahnten Problems.“

Kehrtwendung vom Komponisten zum Autor

In der Hafenstadt, die als Kolonie Homosexueller bekannt wurde, frönte er seiner heimlichen Leidenschaft für Männer. Er bemerkte eine „Lust am Laster“, die darauf hinauslief, dass seine Ehe mit Jane Auer, die sich ihrerseits zu Frauen hingezogen fühlte, nur noch auf dem Papier bestand. Als seine Partnerin 1973 starb, notierte er dennoch ergriffen: „Es gab niemand anderen, mit dem ich lieber zusammen war. Sie verstand jeden Doppelsinn, und wir konnten über absolut alles reden. Wir waren wie zwei Verschworene.“

Auf dem Höhepunkt des Erfolges als Komponist vollführte Bowles eine Kehrtwendung: „Nach und nach nahm ich Stimmungen wahr, die ich nur ausdrücken konnte, indem ich darüber schrieb.“ 1949 veröffentlichte er sein Romandebüt „Himmel über der Wüste“, das Millionen Leser fand. Wie die späteren Publikationen fesselte das Buch durch gnadenlosen Pessimismus und den an Hemingway geschulten schmucklosen Stil. Bowles porträtierte in seiner Prosa scheiternde Paare oder Einzelgänger, die in exotischen Regionen vergeblich ihr Heil suchten. Er entwarf eine „Ästhetik des Morbiden und Makabren,“ so sein Biograf Jens Rosteck. Der Autor selbst erklärte im Alter: „Ich hoffe, dass ich eines Tages vom Erdboden verschwinde, ohne je meine geheimsten Gedanken öffentlich ausgesprochen zu haben.“ Er starb 1999 in Tanger. (Von Ulf Heise)

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