Die Drogenheilerin vom Zürichberg

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hat in einer Villa an bester Adresse jahrelang Behandlungen mit LSD, Ecstasy und Meskalin durchgeführt und Ärzte, Professoren und Anwälte therapiert. Bis sie in Untersuchungshaft sass.

Ärzte, Professoren, Anwälte und andere Akademiker versammelten sich hier für Drogentherapien.

Ärzte, Professoren, Anwälte und andere Akademiker versammelten sich hier für Drogentherapien.
Die deutsche Therapeutin F. M. wohnt und arbeitet in einer Villa an bester Adresse am Zürichberg. Sie ist mit einem bekannten Zürcher Rechtsanwalt verheiratet und arbeitet als Psychotherapeutin. Jahrelang trafen sich angesehene und gut verdienende Zürcher in der Villa der beiden, um mithilfe von LSD, Ecstasy und Meskalin posttraumatischen Störungen, Zwänge und Ängste zu therapieren. Der Ehemann und Anwalt ging ihr bei den Therapien zur Hand und verstiess vermutlich ebenfalls gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Die 62-jährige Ärztin und ihr Ehemann waren sich bewusst, dass die Gruppensitzungen illegal sind. Sie nahmen das Risiko in Kauf, durch die Justiz belangt zu werden. F. M. ist sich sicher, ihren Patienten geholfen zu haben. «Ich bin keine Heilsverkünderin», sagt sie, «doch in meinem Innern bin ich überzeugt, dass psycholytische Therapien vielen guttun. Ich habe dabei vieles erreicht. Die bewusstseinserweiternde Wirkung führt bei weit zurückliegenden traumatischen Prägungen zu tieferen Einsichten und bei integrativem Prozess zu neuen Handlungsmustern.» Ihr Ehemann, der an den Gruppensitzungen teilgenommen hat, steht weiterhin zu seiner Partnerin.

Flair für unkonventionelle Methoden

F. M. hatte stets ein Flair für alternative und unkonventionelle Therapiemethoden. Sie lernte das umstrittene «Familienstellen» nach Bert Hellinger, war Schülerin des Therapeuten Stanislav Grof, der ebenfalls mit Drogen experimentierte, und liess sich von 1992 bis 1995 beim Psychiater Samuel Widmer in die Geheimnisse der psycholytischen Therapie mit Drogen einweihen. Widmer ist der Kopf der grossen spirituellen Gemeinschaft «Kirschbaumblüte», die im Raum Solothurn lebt und die unter Sektenverdacht steht. Der Psychiater nennt seine Institution unbescheiden «Tantrisch-spirituelle Universität».

Die Zürcher Therapeutin setzte seit 2004 in Gruppensitzungen regelmässig LSD und Ecstasy ein. Erste Versuche gehen gar in die 90er-Jahre zurück. Die Teilnehmer für die Drogentherapien hat sie unter den Patienten rekrutiert, die bei ihr eine Gesprächstherapie absolvierten.

Jahrelang konnte die Therapeutin die illegalen Sitzungen, an denen sich bis zu einem Dutzend Teilnehmer beteiligten, unbehelligt durchführen. Alle Teilnehmer wussten, dass sie zumindest gegen das Betäubungsmittelgesetz verstiessen. F. M. und ihr Ehemann machten kein Geheimnis daraus.

Um sich zu tarnen und keine Spuren zu hinterlassen, benutzten sie einen Sprachcode: «Wir wurden jeweils als Musikfreunde zu den Gruppensitzungen eingeladen», erzählt eine ehemalige Patientin. In den Protokollen bezeichneten die Teilnehmer ihre Therapeutin als Dirigentin. «So hiess es zum Beispiel, bei der nächsten Zusammenkunft werde Mozart geübt», erklärt eine Patientin. «Und alle wussten: Mozart steht für MDMA. Wenn Beethoven auf dem Programm stand, wurde LSD serviert, dargereicht von ihrem Ehemann.» In internen Papieren bezeichnete F. M. Meskalin, das aus dem Peyote-Kaktus gewonnen wird und eine halluzinogene Wirkung zeigt, als Königin.

Zu den beiden klandestinen Therapiegruppen versammelte sich alle paar Wochen jeweils eine illustre Gesellschaft gut situierter Persönlichkeiten. Unter ihnen ein Chemieprofessor, ein Chirurg, ein Zahnarzt, ein Rechtsanwalt und andere Akademiker, die offenbar alle unter posttraumatischen Persönlichkeitsstörungen litten.

Hausdurchsuchung und Haft

Vor ein paar Wochen flog der geheime Therapiezirkel auf. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hatte einen Hinweis bekommen. Eines frühen Morgens klingelten Polizisten in Zivil an der Tür der Ärztin. Sie durchsuchten die Villa, beschlagnahmten die Computer und verhafteten das Ehepaar. F. M. verbrachte 13 Tage in Untersuchungshaft im Polizeigefängnis, ihr Ehemann 12.

«Alles, was man aufdröseln kann, wurde bei der Hausdurchsuchung geprüft», sagt die Therapeutin. Beklagen will sie sich nicht, der Staatsanwalt und die Polizisten hätten sich korrekt verhalten. Trotzdem sagt sie: «Es war eine sehr schwierige Zeit. Ich habe die Einzelhaft meditierend verbracht und mich gesammelt.» Zum Strafverfahren sagt F. M.: «Ich bin das Risiko eingegangen und muss nun die Konsequenzen tragen.»

Eine ehemalige Patientin von F. M. hat die Gruppensitzungen in schlechter Erinnerung. Sie besuchte zuerst eine Einzeltherapie bei der unscheinbaren Therapeutin mit der grossen Brille und den kurzen, grauen Haaren. F. M. schickte ihre Patientin zu einer Frau ins Emmental. «Diese Therapeutin war für mich eine Art Schamanin, sie hat mir bei Trommelmusik MDMA verabreicht. Die Droge fuhr wie eine Welle durch meinen Körper, ich glaubte, mein Kopf explodiere. Ich fuhr danach mit dem Zug nach Hause, obwohl ich noch ziemlich beduselt war. Eine therapeutische Wirkung habe ich dabei nicht erlebt.»

«Ein kollektives Gelübde»

Nach dieser Feuertaufe wurde die Patientin eingeladen, an den Gruppensitzungen in Zürich teilzunehmen. «Wir haben uns vor der Einnahme an den Händen gehalten und uns gegenseitig bestätigt, dass wir die psycholytische Sitzung in Eigenverantwortung mitmachen würden. Ich empfand es wie ein kollektives Gelübde.» Die Drogentherapie war ihr unheimlich, und sie protestierte, doch sie kam gegen den kollektiven Druck nicht an, zumal ihr Ehemann ebenfalls anwesend war. Ausserdem hatte sie gehofft, ihre Ehekrise lösen zu können. Sie konnte zwar verdrängte Ereignisse ins Bewusstsein holen, diese seien aber in der Gruppentherapie nicht aufgearbeitet worden. Über die Eheprobleme sei ohnehin nie gesprochen worden.

Die Teilnehmer tranken den Becher mit dem aufgelösten Ecstasy. «Die Droge hat scheusslich bitter geschmeckt», erzählt eine Patientin. Bei verdunkeltem Raum, Kerzenlicht und klassischer Musik – meist Bach oder Mozart – hätten sie auf die Wirkung gewartet. «Es wurde auch kein Fenster geöffnet, um die Energie im Raum zu konzentrieren.» Manchmal sei einzelnen Gruppenmitgliedern so schlecht geworden, dass sie erbrechen mussten.

Um sich auf die inneren Bilder zu konzentrieren, welche die halluzinogenen Substanzen hervorriefen, legten sich die Patienten auf Matten. «Nach ein paar Stunden nahmen alle Patienten in der gleichen Therapie auch noch LSD ein», erklärt das ehemalige Gruppenmitglied.

Im Laufe der zwölf und mehr Stunden dauernden Sitzungen spielten sich oft seltsame Szenen ab, wie Beteiligte berichten: «Wir waren noch benebelt, einige wirkten aufgelöst und weinten laut. Oft sind sich alle in den Armen gelegen, um sich Halt zu geben.» Irritiert hat eine ehemalige Patientin vor allem, dass Therapeutin F. M. – wegen der Hitze im Raum nur knapp bekleidet – sich manchmal auf den Schoss eines Patienten gesetzt und seinen Kopf gehalten habe.

Körperkontakt mit Patienten

F. M. betont, dies sei eine therapeutische Massnahme gewesen. «Bei der Einnahme von LSD treten Ereignisse zutage, die die Traumata ausgelöst haben. Dann sagen die Menschen oft, sie seien nicht mehr in ihrem Körper. Um sie wieder in ihren Körper zu bringen, brauchen sie Körperkontakt. Ich halte sie, wiege sie, wenn es nötig ist. Wenn dies nicht geschieht, kann es zu einer Retraumatisierung kommen. Wenn beispielsweise ein Mann in Gedanken vor seinem toten Vater sitzt, halte ich ihn an der Hand, damit er die Gefühle hochkommen lassen und aushalten kann und sich in diesem Erleben nicht mehr – wie damals – allein gelassen fühlt.»

Ihr Ehemann hat ein paarmal solche Szenen miterlebt. Auch für ihn waren die Berührungen Teil der Therapie. Er hat die Situationen nicht als anzüglich empfunden: «Es kamen nie Missverständnisse auf.»

F. M. schildert eine weitere Szene. «Einmal hat eine Frau derart geschrien, dass es mich im Mark erschütterte. Sie war in ihrem erweiterten Bewusstsein bei ihrer Familie, die in Auschwitz vergast worden war. Ich hielt sie beinahe eine Stunde, bis sie wieder in ihrem Körper war. In schweren Fällen sage ich den Patienten, ich lege mich auf dich drauf, bis du dich wieder spürst. Ich tue es, auch wenn es eine Stunde dauert. Sie brauchen dann die Nähe. Ich mache es auch bei normalen Körpertherapien. Dabei überschreite ich keine Grenzen und gehe nicht in einen zärtlichen Austausch.»

Woher F. M. die Drogen bezogen hat, will sie nicht verraten. «Nicht in der Schweiz», sagt sie, «ich habe kein Dealernetz.»

Staatsanwalt Lorenzo Rienzo, der den Fall untersucht, bestätigt das Strafverfahren gegen F. M. und ihren Ehemann. Hausdurchsuchung und Untersuchungshaft gehörten zum üblichen Vorgehen der Justiz. Befragt wurden auch ein halbes Dutzend Patienten der Therapeutin. Ob gegen sie ebenfalls Anklage erhoben wird, ist noch nicht entschieden

Eine Antwort to “Die Drogenheilerin vom Zürichberg”

  1. sabine Says:

    Es ist der Hoffnung fuer die Menschheit zutraeglich, wenn jemand soviel Zivilcourage und Commitment zeigt und etwas wagt, was nicht von der Pharmaindustrie und den von Krankenversicherungen bezahlten Therapeuten gesegnet wurde und deswegen nicht in das Konzept unserer westlichen Zivilisation passt. Wenn man ein wenig ausserhalb europaeischer Grenzen forscht, z. B. in Suedamerika, lernt man, dass solche Heilmethoden schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, erfolgreich angewandt werden. Konservatismus und Angst vor Neuem (in diesem Falle, Alten) hat unsere Gesellschaft bis zu diesem Rand, an dem wir nun stehen, gebracht. Sollen wir weiterhin diesen Prinzipien folgen, als waeren sie der einzige Weg zum Ziel oder koennen wir von anderen Voelkern und uns fremden Wissen lernen und uns oeffnen fuer das, was uns Angst macht, weil wir es nicht verstehen?
    Bravo, „F.M.“! Ich wuensche Ihnen viel Glueck inmitten Ihren momentanen Schwierigkeiten. Leute wie Sie sorgen dafuer, dass die menschliche Seele sich weiterentwickelt.

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