wie der Herr Zahnarzt-Ratgeber „Geschäfte“ macht

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Verurteilter Betrüger müsste längst im Gefängnis sitzen – so der Tagesanzeiger

«Zahnarzt-Ratgeber» Michael Genge hat seit den Neunzigerjahren zahlreiche Vermögensdelikte begangen. Obwohl zu 33 Monaten Gefängnis verurteilt, geschäftet er noch immer. Herr Ganz (Name geändert) brauchte eine Zweitmeinung. Sein Zahnarzt hatte ihn falsch behandelt, und nun wollte er von einem Fachmann wissen, wie er vorgehen sollte. Nach dem Tipp einer Bekannten suchte er kürzlich die «zahnarztunabhängige Beratung» am Zürcher Limmatquai auf. Das Gespräch dort dauerte eine Dreiviertelstunde, doch am Ende wusste Herr Ganz nicht mehr als zuvor. Der angeblich unabhängige Berater schickte ihn zu einem Wirtschaftsanwalt und vereinbarte mit diesem einen Termin.

Herr Ganz, ein älterer Herr, war verunsichert. Statt zu dem Anwalt zu gehen, wandte er sich an die Patientenstelle. Dieser erschien die Sache dubios. Herr Ganz hatte nämlich für das unergiebige Gespräch 200 Franken zahlen müssen und dafür eine Quittung erhalten, auf der keine Adresse stand und der Name des Beraters unlesbar war.

Recherchen ergaben, dass hinter der «zahnarztunabhängigen Beratung» ein verurteilter Betrüger steht: Michael Genge – auch bekannt als «Zahnarzt-Ratgeber». Leute, die mit ihm zu tun hatten, kennen den gebürtigen Deutschen als Mann, der den Luxus liebt, aber seine Rechnungen nicht gern bezahlt. Auch die Mieten für die Villen und teuren Wohnungen, in denen Genge mit Frau und Kindern zu leben pflegt, bleibt er nicht selten schuldig. Die Liste der Betreibungen und Verlustscheine ist ellenlang. Vor einigen Jahren wurde Genge vom Aargauer Obergericht zu 17 Monaten Gefängnis verurteilt wegen mehrfachen Betrugs, Urkundenfälschung, Veruntreuung und weiterer Vermögensdelikte, die er seit 1991 begangen hatte. Diese Strafe hat er verbüsst.

Sieben Jahre bis zum Urteil

Seit 20 Jahren ist Zahntechniker Genge als Berater tätig. Er vermittelt Ratsuchende an Zahnärzte seiner Wahl und verkauft Zahnarztpraxen. Zum Beispiel an zwei ungarische Zahnärzte. Diese zahlten 180 000 Franken für eine Praxis, die gar nicht zu haben war. Die Ungarn zeigten Genge an, das Strafverfahren führte zu einer Anklage wegen Veruntreuung. Im gleichen Verfahren untersuchte Staatsanwalt Lino Esseiva zudem einen Betrug an einer alten Frau. Sein Strafantrag lautet auf ein Jahr Gefängnis, die Gerichtsverhandlung steht noch aus.

Eigentlich sollte Michael Genge längst im Gefängnis sitzen. Denn das Zürcher Obergericht hat ihn im April 2009 wegen Betrugs zu 33 Monaten unbedingt verurteilt. Genge hatte eine (andere) sehr alte Dame um ihr Vermögen gebracht – fast eine Million Franken. Das Verfahren dauerte ganze sieben Jahre, denn Genge nutzte alle juristischen Möglichkeiten aus. Zuletzt gelangte er ans Bundesgericht – und blitzte ab. Anfang September hat das höchste Gericht das Urteil bestätigt.

Seither sind mehr als vier Monate vergangen, und der Betrüger ist noch immer auf freiem Fuss und geschäftet weiter. Wie ist das möglich? Hat der Staat es versäumt, seine Bürgerinnen und Bürger vor diesem Mann zu schützen, wie zum Beispiel Herrn Ganz? Das Amt für Justivollzug dementiert. Es habe Genge nach Eingang des Bundesgerichtsurteils «umgehend» zum Strafantritt aufgeboten, und zwar auf den 11. Januar. Das Gesetz sehe eine «angemessene Vorlaufzeit vor, in der Regel zwei bis drei Monate», damit sich der Betroffene auf die Haft vorbereiten könne.

Diese Zeit genügte Genge allerdings nicht, er stellte ein Gesuch um Aufschub des Strafantritts. Das Amt für Justizvollzug hält dazu fest: «Dieses Recht steht jedem Verurteilten von Gesetzes wegen zu und kann nicht verwehrt werden.» Ein neuer Termin sei jedoch bereits festgelegt. Das Datum darf das Amt nicht bekannt geben.

Sicherheitshaft abgelehnt

Doch warum wurde der Betrüger nicht schon früher in Haft genommen, wegen Wiederholungsgefahr? Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich antwortet dazu: «Konkrete Anhaltspunkte für Wiederholungsgefahr lagen bei Herrn Genge nicht vor.»

Bliebe noch die Möglichkeit einer Sicherheitshaft. Staatsanwalt Esseiva, der die Untersuchung im noch hängigen neusten Verfahren gegen Genge führte, hat im Oktober tatsächlich einen Antrag auf Sicherheitshaft gestellt. Er wollte sicherstellen, dass Genge seiner Gefängnisstrafe nicht durch Flucht entgeht. Der Haftrichter lehnte den Antrag jedoch ab, er sah keine Indizien für eine Fluchtgefahr.

Genge selber sagte gegenüber dem «Tages-Anzeiger», er werde «in ein bis zwei Monaten» seine Strafe antreten. Den Aufschub habe er wegen seiner schulpflichtigen Kinder gebraucht, und weil er sein Geschäft habe übergeben müssen. Er habe die Beratungsstelle an einen deutschen Zahnarzt verkauft.

Ob das stimmt, bleibt offen: Der genannte Zahnarzt war für den TA unerreichbar. Derzeit arbeitet Genge laut eigenen Angaben noch zu rund zehn Prozent in der «zahnarztunabhängigen Beratung».

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