Bohren und Bleachen als Beauty-Erlebnis. Wie die Zahnmedizin mit dem Coiffeur gleichzieht

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so die altehrwürdige NZZ vor einiger Zeit über die Abivardi Sisters

Falls Menschen wie Julia Roberts oder Cameron Diaz als Kinder beim Velofahren den Frontzahn rausgeschlagen hätten oder einfach von der Natur in Zahnfarbe und -stellung nicht bevorzugt behandelt worden wären, dann sieht das heute keiner mehr. Nur Madonna hält der Zahnlücke die ästhetische Treue – allerdings als schön polierte Demonstration der individuellen Unvollkommenheit, die sexy macht. Ansonsten gilt im Land der Perfektionisten: Wer den Mund öffnet, präsentiert bevorzugt Zähne, die weiss wie Schnee leuchten und aufgereiht sind wie Soldaten beim Morgenappell.

Seit geraumer Zeit hält der Wunsch nach einem Hollywood-Lächeln auch hierzulande Einzug in die Zahnarztpraxen. Bei Zähnen, deren Farbe auf der Farbskala 3b und nicht 1a ist, sprich eine gelbliche Verfärbung vorliegt, hilft auch die Zahnpasta, die «weisser wie weiss» machen soll, nicht viel. Die Schweizerische Zahnärzte-Vereinigung (SSO) verzeichnet in den letzten Jahren einen sprunghaften Anstieg von Nachfragen in Sachen Bleaching, Aufhellen der Zähne (siehe Kasten). Leicht amüsiert über dieses gewachsene Bedürfnis nach Zahnästhetik registriert Peter Jaeger, Leiter Information der SSO, dass die Patienten, die sonst eher über die Preise klagen, anscheinend gerne bereit sind, für eine Zahnverschönerung in die Tasche zu greifen. Zugleich öffnet auch eine neue Generation von Zahnärzten ihre Praxistüren. Zahnärzte, die es nicht scheuen, mit Werbeagenturen zusammenzuarbeiten, sich selbst als Visitenkarte zu präsentieren und deren Praxiseinrichtung nur noch rudimentär an eine Zahnarztpraxis erinnern. Wäre da nicht dieser Stuhl, der trotz modernem Design ein Behandlungsstuhl mit Bohrer ist, man könnte sich genauso gut in einer trendigen Bar oder in einem gepflegten Kosmetikstudio befinden.

Strahlefrauen mit Traum

Nur eine Glasschiebetür trennt die hektische Welt im Zürcher Hauptbahnhof von der ruhigen, gepflegten Unterwasserwelt-Atmosphäre des neu eröffneten Zürcher Zahnärzte-Zentrums. Die Dame am Empfang trägt ein Headset wie die Angestellte eines Call-Centers und sieht damit wie die Moderatorin von «Music Star» aus. Eine Spiegelfront zieht sich von der untersten Ebene hoch auf die Galerie, wo sich der Empfangsdesk befindet. Von hier oben blickt man hinab und ahnt, dass sich hinter den vielen Milchglastüren, die sich im Halbrund um eine Sitzgruppe anordnen, der Ort des Geschehens befindet. Rundherum vermitteln bunte Bilder von Fischen und Pflanzen hinter Glas den Eindruck, man sei in einer Unterwasserstation für Meeresbiologie. Um die Ecke kommen Julia Roberts und ihre ebenso strahlende Schwester. Die Zahnärztinnen Haleh Abivardi-Patak und Golnar Abivardi-Signer sind Frauen, denen dieser Vergleich eher schmeichelt als dass er sie nervt. Die beiden Schwestern, die in der Schweiz als Töchter persischer Eltern aufwuchsen, lassen manche Superfrau-Erfindung aus der Medienwelt zu einem faden Abklatsch schrumpfen: Sie sind 35 und 31 Jahre alt, Mütter und haben mehrjährige Praxiserfahrung. Ihren Traum «ein Kompetenzzentrum für Zahnmedizin» aufzubauen, haben die Schwestern in einem Jahr umgesetzt. Heute beschäftigen sie 42 Personen, unter ihnen verschiedene Fachzahnärzte. Zum Service-Begriff in der Zürcher Unterwasserwelt für Zähne gehören auch Bildschirme am Behandlungsstuhl, auf denen der Banker seine Börsenkurse verfolgen kann. Es beruhigt vielleicht, dass auch die beiden Strahlefrauen ihr Lächeln ästhetisch optimiert haben. Beide tragen sogenannte Veneers (Kasten). Die aufgeklebten Keramikschalen sind neben Bleachen die zweithäufigste Methode in der Zahnverschönerung. Wichtig sei es, dass vor einer ästhetischen Behandlung die Basis stimme, das heisst, dass der Zahn gesund ist oder, wenn nicht, zuvor saniert werde, betonen die Fachfrauen. Ähnlich klingt es auch aus dem Mund von Dr. Mario Besek, der mit zwei Facharztkollegen das Swiss Dental Center in Zürich führt – einen lichtdurchfluteten Loft auf zwei Ebenen mit dunklem Parkett und einer Lobby, die ausser dem Zwang zum Warten nichts mehr gemein hat mit der branchenüblichen Warteecke.

Harmonie und Natürlichkeit

Heute kämen die Patienten mit klaren Vorstellungen darüber, was ihnen gefalle, erklärt Besek, der auch sagt, dass 80 Prozent seiner Patienten bereits «Ästhetik»-Patienten sind. Das Bewusstsein über das, was schön ist, sei in Europa stärker auf Natürlichkeit fokussiert, glaubt der Spezialist. Eine Beratung ist bei einer ästhetischen Behandlung deshalb wichtig. Schliesslich sollen die gelben Zähne der Kettenraucherin nachher nicht künstlich weiss sein wie die Acrylscheiben, die Charlie Chaplin einst in seinen Filmen trug. Man sucht nach dem harmonischen Massstab von vorher und nachher. Nicht nur farbliche Korrekturen gehören zur ästhetischen Zahnmedizin. Stellungskorrekturen werden dort, wo es möglich ist, auch durch keramische Restaurationstechniken vorgenommen. Faktisch lasse sich heute fast alles machen, sagt Dr. Besek und zeigt eine Computeranimation, in der sich kleine Hamsterzähne in eine Front weisser Perlen verwandeln. Ein verführerischer Gedanke, der dem Coiffeur in Sachen Verschönerung Konkurrenz machen dürfte. Susanna Heim

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