Keine Persönlichkeit, kein Durchblick, kein Profil – Generation X meets the Pornogeneration

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Hendrik Sommer: „Der Pornogeneration fehlt das eigene Profil“

FRANKENBERG (rou). Thomas Müller zählte zur Generation „hoffnungsvolle Nachwuchspolitiker“ – bis vergangene Woche, als seine Mitgliedschaft in dubiosen Internetgruppen bei „StudiVZ“ bekannt wurde und ihn seine politische Karriere kostete. Warum hat er sich auf diesen Internetseiten herumgetrieben? Viele Menschen haben sich diese oder ähnliche Fragen gestellt. Hendrik Sommer liefert Antworten. Der Frankenberger hat ein Buch geschrieben, in dem er sich mit der Internet-Gesellschaft befasst. Der 30-Jährige nennt sie: Pornogeneration.

Der 30 Jahre alte Frankenberger ist studierter Agrarwissenschaftler und arbeitet momentan an der Doktorarbeit, die allerdings nichts mit seinem Buch zu tun hat. Das Internet verändert die Welt – durch die Arbeit mit Studenten sei ihm dies bewusst geworden, sagt der ehemalige Edertalschüler im WLZ-FZ-Interview. „Keine Persönlichkeit, kein Durchblick, kein Profil – Generation X meets the Pornogeneration – Auf der Suche nach dem eigenen Profil“, lautet der Titel des Buches, das er veröffentlicht hat.

Thomas Müller hat in der virtuellen Welt des Internets seine reale berufliche Perspektive verspielt. Ein Einzelschicksal?
Sicherlich kein Einzelschicksal. In einem offenen Brief des Leipziger Studenten Sebastian Pittelkow weißt dieser darauf hin, dass zwei seiner Freunde bei Vorstellungsgesprächen auf ihre Gruppenzugehörigkeit beim StudiVZ angesprochen worden sind. Aber das Beispiel von Thomas Müller ist meiner Meinung nach dennoch Zeichen setzend und sollte jeden Nutzer/User nachdenklich stimmen.

Erst Denken, dann Handeln – wird diese Lebensregel im Internet außer Kraft gesetzt?
Leider viel zu oft, wie dieses Beispiel zeigt.

Warum treten Menschen im Internet Gruppen wie „Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten“ bei, wenn sie im wirklichen Leben zumindest vordergründig für ganz andere politische Ziele eintreten?
Der Gründer dieser speziellen Gruppe gibt auf der Gruppenseite an, seine Gruppe sei als politische Satire mit einer Portion Sarkasmus zu verstehen. Diese Einstellung ist ein Beispiel dafür, dass sich diese Generation über bestehende Werte hinwegsetzt, ohne das zu begreifen. Für mich ein klares Zeichen von Unreife. Die ursprüngliche Gruppe zählt 20000 Mitglieder, etwa 15 weitere Gruppen mit dem gleichen oder ähnlich klingenden Namen haben sich als Trittbrettfahrer an den „Erfolg“ der ersten Gruppe angehängt. Ich bezweifle, dass sich alle diese Menschen diese Frage jemals so gestellt haben. Das zeigt, wie widersprüchlich eigentlich diese Generation ist, denn die Frage, warum Menschen solchen Gruppen beitreten, kann wahrscheinlich nicht einmal von den Betroffenen zufrieden stellend beantwortet werden.

Das Internetportal StudiVZ zählt mehr als acht Millionen Mitglieder. So viele Studenten gibt es aber gar nicht. Warum will irgendwie jeder Jugendliche oder junge Erwachsene dabei sein?

Ursprünglich wurde dieses Portal für 2,3 Millionen Studenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gegründet. Dem StudiVZ folgte das SchülerVZ, ein Portal, dem nach Angaben des Betreibers drei Millionen Nutzer angehören. Zusätzlich gibt es Ableger dieser Portale in unterschiedlichen europäischen Ländern, etwa. Polen und Italien. Dadurch erklärt sich der scheinbare Widerspruch. Trotzdem ist es für die angesprochenen Zielgruppen ein gesellschaftliches Muss, dazu zu gehören. Solche Portale werden genutzt, um das persönliche soziale Netzwerk in der virtuellen Welt abzubilden. Jeder Nutzer kann dort all seine Freunde und Bekannten finden und sich mit ihnen vernetzen. Er kann mit ihnen kommunizieren und kann sie an seinem Leben teilhaben lassen, indem er beispielsweise Bilder von sich hoch lädt und Freunde, die ebenfalls auf dem Bild zu sehen sind, direkt auf dem Bild mit deren Netzwerk-Profilen verlinkt. Dadurch entsteht ein immer größer werdendes und doch sehr detailliertes soziales Netzwerk, bei dem jeder unbedingt dabei sein will. Wie heißt es so schön: „Gesehen und gesehen werden“.

Welche Bedeutung haben diese Sozialen Netzwerke in der Gesellschaft?

Soziale Netzwerke hat es schon immer gegeben. Nur durch das Internet werden sie sowohl transparenter als auch manipulierbarer. Die Bedeutung der Internetportale, die Soziale Netzwerke virtuell abbilden, nimmt deshalb stetig zu. Der User kann durch diese Portale allen Netzwerk-Mitgliedern – die es wissen wollen – sein persönliches soziales Netzwerk zeigen und er kann sich innerhalb seines eigenen Netzwerkes präsentieren. Dadurch macht er sich aber auch für Dritte transparent. Und das kann – wie am Beispiel von Thomas Müller zu sehen ist – zu seinem Nachteil sein, obwohl er eigentlich aus seinem Verhalten einen Vorteil ziehen wollte.

Auf diesen Plattformen ist ein Wettlauf um Freunde und Kontakte entbrannt. Warum sitzen die User offensichtlich stundenlang vor dem Bildschirm und treten nicht auf der Straße in Kontakt zu anderen Menschen?

Zunächst ist es für den User wichtig, sein Netzwerk auszubauen. Das heißt, er sucht nach neuen Bekannten, die er seiner Freundesliste zufügen kann. Dazu hält er sich in angesagten Gruppen auf und lernt über die gruppeninternen Foren neue Menschen kennen. Zusätzlich wird dieser Wettlauf durch das „Kleine-Welt-Phänomen“ nach Stanley Milgram angeheizt. Auf jedem besuchten Profil kann der User sehen, ob die zugehörige Person über Dritte, Vierte oder Fünfte bekannt ist. Der Reiz liegt wahrscheinlich darin, neue Menschen kennen zu lernen, ohne real auf diese zugehen zu müssen. Ich habe selber schon die Erfahrung gemacht, im StudiVZ Menschen kennen gelernt und mit ihnen kommuniziert zu haben, die anschließend in einer realen Situation in der Vorlesung vor mir stehen und nicht mit mir reden können. Diese Personen sind real meistens schüchtern und zurückhaltend, genau das Gegenteil von ihrem Alter Ego im Netzwerk.

„Generation X meets Generation Porno – Die Suche nach dem eigenen Profil“ lautet der Titel Ihres Buches. Warum hat diese Generation aber offensichtlich kein Problem, unzählige Profile über sich im Internet zu erstellen?
Im Internet kann sich jeder Mensch sein eigenes Alter Ego erfinden und damit in der „realen Internetwelt“ so sein, wie er sich gerne im echten Leben sehen würde. Er kann sich so verstellen, wie es notwendig ist, um neue Kontakte zu knüpfen, mit Menschen zu kommunizieren und vor allen Dingen: Das Alter Ego kann den Erfolg haben, den sich der echte Mensch im wahren Leben wünscht.
Im Prinzip dienen die unzähligen Profile im Internet nur dazu, den gesellschaftlichen Minderwertigkeitskomplex dieser Generation zu befriedigen. Das bedeutet aber auch, dass diese entwickelten Profile in der Realität nicht existieren. Die Generation erfindet Profile, ist aber dennoch auf der Suche nach dem eigenem – dem richtigen!

Was verstehen sie unter den Generation X und Porno?
Der Begriff „Generation X“ wurde von Douglas Coupland in seinem gleichnamigen Bestseller geprägt. Die Menschen, die zwischen 1960 und 1979 geboren worden sind, gehören automatisch der Generation X an. Der Titel wurde zum sprichwörtlichen Begriff und namensgebend für eine vom Konsumwahn abgestoßene Bewegung. Das Buch schildert in anekdotenhafter Form den Selbstfindungsprozess dreier exemplarischer Vertreter der Generation X und ihrem Streben der zunehmenden Kommerzialisierung ein eigenes Wertesystem entgegenzustellen. Coupland stellt dem eingeschliffenen Lebensstil aus gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen eine „Lessness“ genannte Philosophie gegenüber, die den Wert des Lebens nicht an der Anhäufung von Statussymbolen misst. Das ’neue‘ Wertsystem wird auch ironisch als „Exhibitionistische Bescheidenheit“ bezeichnet. Aufgrund dieses Lebensgefühls der Konsumverweigerung würde Couplands Generation X in Anlehnung an Gertrude Stein auch als „Lost Generation der Neunziger“ bezeichnet. Der Begriff „Generation Porno“ meint eine Generation, die keine Tabus kennt. Es ist die Generation der heute 14- bis 18-Jährigen, die sich gerade im Prozess ihrer Persönlichkeitsentwicklung befinden. Viele Jugendliche heute sprechen ihre ganz eigene Sprache. Sie präferieren das Handy, das Internet und den Alkohol. Die Generation Porno lebt in einem ständigen Spagat. Auf der einen Seite wird durch die Pisa-Studie deutlich, dass große Defizite in der Bildung vorhanden sind. Auf der anderen Seite sind sie in der Lage, durch den Einsatz modernster Handy-Technologie auf dem Schulhof Pornofilme oder Schlägereien zu drehen, und diese Videos über Internet-Portale jedermann zugänglich zu machen. Sicher sind nicht alle Jugendlichen so tabulos, wie soeben beschrieben, doch sind die Themenbereiche Gewalt und Sex „legaler“ geworden. Die Art der Jugendlichen, sich mit diesen Themenbereichen auseinander zu setzen, hat sich geändert: Man redet darüber, macht es und stellt es in der Öffentlichkeit dar.

Florian Illis hat durch sein Buch den Begriff „Generation Golf“ bekannt gemacht. Sie stellen einen direkten Bezug zur Generation X her. Warum?
Ich glaube, die von Coupland erwartete Selbstfindung dieser „Generation X“ hat so nicht stattgefunden. Hätte diese Generation der Kommerzialisierung ein eigenes Wertesystem gegenüber gestellt, so würde unsere Gesellschaft nicht vom Konsumgedanken dominiert sein. Meiner Meinung nach hat sich die Generation X den gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen ergeben. Und sie verdient ihren Lebensunterhalt mit dem, was die Generation Porno konsumiert. Aus diesem Grund stelle ich den direkten Bezug zur Generation X her. Die Generation Porno ist ihr Produkt.

Der Begriff Generation Porno macht die Runde. Diese Woche berichtet der Themensender Arte über das Internet und die Pornografie, die längst in die Lebenswelten von Jugendlichen eingehalten hätten. Ein Trendthema oder tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem?
Nicht nur ein Trendthema, sondern ein ernstzunehmendes Problem. Studien bestätigen, dass Kinder und Jugendliche, die durch das Handy und das Internet Gewalt wahrnehmen, auch im reellen Leben Gewalt akzeptieren und anwenden. Das Wertesystem dieser Generation ist ein anderes als das, was ältere Generationen kennen.

Welche Generation folgt auf die von Ihnen beschriebene?
Das weiß ich selber noch nicht, aber darüber können sich dann andere Menschen Gedanken machen. Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt auf diese folgende Generation!

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Miteinander?
Wir müssen mehr miteinander reden. Und zwar real, nicht per Handy, SMS, Chat, Internetforen oder sonstigen Diensten. Und wir müssen uns gegenseitig besser zuhören, respektvoller miteinander umgehen. Und vor allen Dingen müssen wir im Internet genauso sorgsam mit unserer Privatsphäre umgehen wie im echten Leben.

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2 Antworten to “Keine Persönlichkeit, kein Durchblick, kein Profil – Generation X meets the Pornogeneration”

  1. wie kann man herrn müller erreichen? Says:

    Ich arbeite gerade an einer seminarfach arbeit und würde gern kontakt zu herrn müller aufnehemn da mein seminarfachthema sich um sein buch mit dreht und um dessen inhalt. Ich warte auf ihre antwort. danke

  2. zahnteufelchen Says:

    vielleicht über die Junge Union, oder über Studivz oder gar die CDU

    ansonsten einfach mal nach im googeln

    viel Erfolg!

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