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Zahnfee oder Lustobjekt?

März 22, 2008

Das Beste aus meinem Leben

Gestern Abend hat der Luis sich einen seiner letzten Milchzähne aus dem Kiefer gerupft und auf den Herd gelegt. Paola hat das Samtschächtelchen geholt, in dem seit Jahren seine Milchzähne ruhen. Immer wenn einer dazukommt, legt die Zahnfee über Nacht etwas Geld als Belohnung hinein, so geht das schon lange.  
Die Zahnfee bin übrigens ich.  
Heute Morgen hat der Luis das Schächtelchen geöffnet, auf seine alten Zähne gestarrt und gesagt: »Die Zahnfee war nicht da.«  
»Na, so was!«, habe ich gesagt. Und gedacht: »Oh, vergessen.«  
»Vielleicht kommt sie, während ich Zähne putze«, sagte Luis und ging ins Bad. Ich legte zehn Euro in die Schachtel. Als Luis zurückkam, entnahm er sie und sagte: »Na, also!«  
Dann ging er in die Schule und ich duschen. Als ich meine neue, viel zu teure Unterhose aus 95 Prozent Baumwolle und fünf Prozent Lycra anzog, kam Paola aus Sophies Zimmer, atmete tief ein, sagte »Mmmmmh…« und schlug mir auf den Hintern.  
Bitte, hier haben Sie die Spannweite meines Daseins als moderner Mann. Ein Leben zwischen Zahnfee und Lustobjekt.  
 
Im Büro wusste ich dann wieder nicht, was ich schreiben sollte. Ich stöberte den Stapel von alten Zeitungsartikeln neben dem Schreibtisch durch und fand seltsamerweise viele Meldungen über Frösche. Ich las ein Interview mit einem Froschforscher, der sagte, eine bestimmte Art von Pilz bedrohe weltweit alle Frösche; wenn nicht etwas geschehe, stehe uns das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier bevor. Ich las einen kleinen Text, in dem es hieß, japanische Froschexperten hätten einen durchsichtigen Frosch gezüchtet, dessen Organe man von außen beobachten könne, ohne ihn zu sezieren. Ich entdeckte, dass 2008 das »Jahr des Frosches« ist, nicht weil die Chinesen das sagen, sondern weil Umweltschutzorganisationen dieses Jahr ausgerufen haben.  
 
Dann fand ich eine Geschichte über einen urzeitlichen Riesenfrosch namens Beelzebufo, dessen fossile Überreste man auf Madagaskar gefunden hat. Beelzebufo hatte das Format einer Bowling-kugel, war vier Kilo schwer und hatte ein Maul wie ein Ofenrohr, mit dem er diesen und jenen frisch geschlüpften Saurier verzehrte.Zufällig hatten Paola und ich am Abend den Film Magnolia gesehen, in dem der berühmte Froschregen vom Himmel fällt, Tausende von Fröschen klatschen auf die Erde. Man stelle sich das mit Beelzebufos vor, es wäre das Ende der Welt. So ein Vieh würde ja jeden Krötenzaun niederwalzen, und vor einer Froschwanderung von Beelzebufos würden sich sogar rumänische Truckfahrer fürchten. »Achtung, Achtung, auf der A9 Richtung Holledau kommt Ihnen ein durchsichtiger Riesenfrosch entgegen, bitte fahren Sie äußerst rechts und – QUOAAAK!« Was für ein Tod!  
 
Dann las ich noch eine Reportage über einen Kölner Rentner, der jeden Morgen um sieben aufs Fahrrad steigt und die Innenstadt nach Gegenständen absucht, die andere verloren haben. Er findet pro Tag sieben und mehr Portemonnaies und macht selbst die Besitzer ausfindig. Einmal hat er einen Seesack mit 19 frischen Unterhosen gefunden und eine Geldbombe mit alten Schrauben drin und eine nagelneue Maschinenpistole, die brachte er aber zur Polizei. So macht er das seit zehn Jahren.  
 
In einer anderen Reportage las ich von einem alten Mann, der seit 32 Jahren die Strände von Rio de Janeiro Tag für Tag mit einem Rechen durchharkt und Dinge findet, die Badegästen abhanden gekommen sind. Von deren Verkauf lebt er, einmal war sogar ein Brillantring dabei. Er sagte: »Selbst wenn ab morgen niemand mehr etwas verliert, wird man noch ewig etwas finden.« Wie das an Pippi Langstrumpf erinnert: »Die ganze Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet.«  
 
Jetzt gehe ich Ostereier einkaufen, die muss ich am Wochenende verstecken, und die Kinder werden sie dann suchen. Osterhase bin ich ja auch.